Friedrich Lips

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 Freitag, 24.November 2017 14:03 
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6. Internationales Wiener Akkordeonfestival

 

Bereits zum 6. Mal ging nun das internationale Akkordeonfestival über die Bühnen Wiens - in der Donaumetropole längst eine Institution, international bereits mehr als ein Geheimtipp. Zu den warmen bis heißen Sounds des Akkordeons - ob nun experimentell, traditionell oder beides zugleich - wird der Winter ausgetrieben und der Frühling eingespielt. Neben eigenwilligen, spannenden und innovativen Projekten ist das Festival ein Forum der Vernetzung, der Kommunikation, der Auseinandersetzung, des Austausches und schafft Strukturen der Entspannung, des konzentrierten Hörens und, - der Begegnung. Besucher des Akkordeonfestivals können sich gar nicht mehr daran erinnern, dass es je anders war, so fest hat sich dieses Ereignis im kulturellen Gedächtnis der Stadt verankert. Von 26. Februar bis 28. März traten insgesamt 101 KünstlerInnen aus 17 Ländern an 19 verschiedenen Spielstätten auf. Das heurige Akkordeonfestival setzte wieder einmal neue stilistische Schwerpunkte. Ein beträchtlicher Platz war dem Spielerisch-Ironischen, dem Märchenhaften und dem Grenzüberschreitenden, dem Ausloten neuer imaginärer musikalischer Räume eingeräumt. Damit verbunden war auch die vermehrte Präsenz weiblicher Interpreten.

In eine ähnliche Kerbe schlug das Eröffnungskonzert im reizvollen Ambiente des Jugendstiltheaters mit der spektakulären Wiedergeburt der "Divina Ziehharmoniker" um Otto Lechner, die bereits Ende der 80er Jahre clevere Funmusik kreierten und damit gelassen allen Stilkasteln trotzten. Geerdet in der Multikulturalität der Insel Madagaskar (malaiische, südafrikanische, portugiesische und französische Einflüsse) entwickelte Régis Gizavo auf dem diatonischen Akkordeon seinen eigenen Stil, der in der besonders intensiven Verwendung der Bässe nur eines seiner Charakteristika findet. In Paris wollte Gizavo bei Richard Galliano die Kunst des Musette-Jazz erlernen. Dieser gab ihm jedoch einen Rat, den ihm selbst Jahre zuvor Astor Piazzolla gegeben hatte: Er - Gizavo - solle doch die eigenen ethnischen Wurzeln modernisieren.

Ein wahres Fest des italienischen Akkordeons erwartete die Festivalbesucher am 27. Februar im Porgy & Bess. Sowohl Simone Zanchini als auch Antonello Salis switchten mit mediterraner Leichtigkeit und ausgeprägter Individualität zwischen Klassik, Jazz und Ethno: eine Doppelconférence, wie man sie nicht alle Tage erlebt.

Klaus Paier hat mit der Kombination Akkordeon, Drums und Kontrabass dem etwas in Formalismus erstarrten Tango Nuevo einen neuen Drall verpasst. Bevor er seine erfolgreichen Projekte (Trio, Trio + String Quartet, & Gerald Preinfalk) in Angriff nahm, hatte er sich bereits international einen Namen gemacht. Bereits 2002 war das Klaus Paier Trio samt dem String Quartet, das den verspielten Jazzphrasen stets ein dramatisches Gegengewicht verleiht, beim Akkordeonfestival zu Gast und verzauberte durch ein schillerndes Klanggemälde voll der rhythmischen Finessen und unerwarteten Wendungen. Klaus Paier hat das unweigerlich von Astor Piazzolla beeinflusste Tango-Repertoire längst durch Musette (unüberhörbar der Einfluss Richard Gallianos!) oder südosteuropäische Musik aufgestockt.

Hannes Thanheiser bestieg mit seiner Stammcombo Café Schmalz wieder die Bühne: Wiener Salonmusik, Musette, Chansons, Latin von beiden Seiten des Atlantiks, augenzwinkernd angerührt mit bewusst dosiertem Schmalz...
Ganz ähnlich nimmt sich das Repertoire des amerikanischen Café Accordion Orchestras um Daniel Newton aus, obgleich dieses sein musikalisches Hauptquartier eindeutig im Paris zwischen 1920 und 1950 aufgeschlagen hat. Natürlich mischten sich in ihre "Bals Musettes" auch stilgerecht Foxtrot, Swing, Tango, Polka, Bolero und Rumba - das alles mit zeitgenössischer Verve und Ironie neu aufbereitet. "They had the Lincoln Center Plaza crowd dancing the night away", schwärmte ein gewisser Jonathan Cappel bei ihrem Auftritt in New York vor zwei Jahren.

Kepa Junkera, Meister auf der Trikitixa, dem diatonischen Akkordeon aus dem Baskenland, wurde direkt in die Tradition der Tanzmusik hineingeboren und leitete mit der Band Oskorra in den 80er Jahren das baskische Folk-Revival ein. Vom Golf von Biskaya ausgehend, erschloss sich Kepa Junkera mit an Wunder grenzender technischer Präzision und stilistischer Neugierde die Welt, besonders dort, wo salziger Meereswind die Musik anpeitscht: keltische, mediterrane, lateinamerikanische, skandinavische, bulgarische und madagassische Musik.

Im Vorprogramm zur polnischen Klezmer-Institution Kroke gbb die Humi Accordion Band, ein 18-köpfiges Jugendorchester im Alter von 13 bis 16 Jahren, ein etwa halbstündiges Gastspiel. Dirigent und Arrangeur war Prof. Andrzej Humski, der das Ensemble 1986 an der Oskar-Kolberg-Musikschule in Radom gründete. Die Mädchen und Burschen verfügten über ein reichhaltiges Programm, von Johann Strauß bis zu Astor Piazzolla und Duke Ellington.
Steven Spielberg war nicht der erste Amerikaner, der dem Kroke-Sound erlag, als er während der Dreharbeiten zu „Schindlers Liste" in Krakau auf das Trio aufmerksam wurde. In der New Yorker Klezmer-Szene galten Kroke längst als Geheimtipp. Die vier Musiker benannten sich nach der jiddischen Bezeichnung ihrer Heimatstadt - und lösten zu Beginn der 90er Jahre in der Welt des Klezmer eine kleine Sensation aus. Kroke sind so etwas wie die Speerspitze eines genuin osteuropäischen Klezmer-Revivals. Mit ihnen kehrte die Tradition von Brooklyn nach Osteuropa zurück. Dabei kommen Kroke ohne die obligatorischen Bläser aus, machen dies aber durch dichtes Zusammenspiel und phantasievolle Arrangements wett, die unüberhörbar ihr Wissen in Klassik und Jazz widerspiegeln.

In François Castiellos Spiel vereinten sich wohl mehr akkordeonrelevante Genres als bei irgendeinem anderen Akkordeonisten. Er ist "Bratsch" en miniature, und war das schon lange, bevor er vor 16 Jahren Mitglied der Super-Folk-Band (die bereits zweimal beim Akkordeonfestival gastierte) wurde.

Manfred Leuchter, der Weltenbummler, der zugleich so gern irgendwo Zuhause sein möchte, ist fasziniert von Marrakesch, verliebt in die arabischen Nächte und flimmerheißen Tage, in die Märchenerzähler und Schlangenbeschwörer. Längst hat er den Zauber der orientalischen Welt in die immer neuen Ornamente seiner Musik geflochten, und es war konsequent, dass sein zweites Album den Titel „Arabesque“ trug. Er spielt, wie er denkt: freiheitlich und doch einer konsequenten Disziplin unterworfen, amüsiert und gleichzeitig mit Ernst.

Dieses Jahr ließ Rachelle Garniez ihre Fortunate Few, die sie 1996 gründete und mit denen sie 2002 beim Akkordeonfestival zu Gast war, zuhause in New York und bestritt ein Solokonzert. "Diva with a difference", so nannte sie das Billboard Magazine und ein Reporter aus San Francisco charakterisierte sie mit den Attributen "wehmütig, sarkastisch, höhnisch und sentimental". Sentimentalität wird bei Rachelle Garniez jedoch stets ironisch überformt. Zur musikalischen Untermalung ihrer Erzählungen und Seelentrips bediente sie sich des Swing, des Tangos, Walzers, Tex-Mex und Latin Jazz.

Eine große Ehre fürs Akkordeonfestival war es, endlich die große Traumtänzerin, Individualistin und Spaßmacherin der europäischen World-Music zu Gast zu haben. 1983 schlug Shirley Anne Hofmann aus Ottawa (Kanada) ihr künstlerisches Basislager in der Schweiz auf und durchwanderte weiter musikalische Welten. Sie spielte in slowenischen Oberkrainer-Orchestern, in frankokanadischen Bierzelten "La Paloma", mit der deutschen Band "The Blech" sogar beim "Musikantenstadl" und im Schweizer Nationalzirkus "Knie". Sie war außerdem Mitglied der Clowntruppe "Knill und Knoll", gründete die Bands "Fish Shop Girls" und L'Ensemble Rayé sowie das LabelUsineS.

Krzysztof Dobrek und sein Bistro haben für das Akkordeonfestival eine eigene Rollennische erobert: die Erfüllung von Sehnsüchten. Gleich beim ersten Festival erfüllten sie die Sehnsucht eines distinguierten Publikums nach jener leidenschaftlichen Melange aus Tango Nuevo, Musette, slawischer und orientalischer Musik, Klezmer, Jazz und Klassik, welche sie schließlich berühmt machte. Vor zwei Jahren erfüllten Dobrek Bistro die Sehnsucht ihrer Fans nach der ersten CD - und, nachdem Krzysztof mit seinem slawotropischen Projekt Dobrek Brasil letztes Jahr neue Sehnsüchte und gleich die dazugehörige CD schuf, erfüllten sie heuer schließlich die nach einem neuen Programm, wenngleich Evergreens wie etwa „Dumka“ oder „Sahara“ das Bistro-Publikum stets aufs Neue zu begeistern wussten. Als Gast hatten sie sich niemand Geringeren als Jazzgitarrenlegende und Gypsy-Swing-Virtuosen Hari Stojka geholt.

Vor beinahe 20 Jahren machte sich Christina Zurbrügg aus dem Berner Oberland nach Wien auf, um hier kraft ihrer unzähligen Talente Kleinkunstgeschichte zu schreiben. Neben ihren Tätigkeiten als Filmemacherin, Schriftstellerin und Schauspielerin festigte sie vor allem ihren Ruf als elegante Chansonette mit urbanem Chic, die eigene Lieder mit Tiefsinn zum Besten gab. Nach ihrem prämierten Film über die letzte Dudlerin Wiens, Trude Mally, verschrieb sie sich mehr und mehr der volkstümlichen Muse und schuf ein faszinierendes Hybrid, wobei sie ihre nachdenklichen Texte in deftigem Schwyzerdütsch singt, dazu improvisativ jodelt und dudelt, was das Zeug hält - und sich dabei natürlich auf dem Akkordeon begleitet.
Maria Düchler und Barbara Ruppnig vom Duo Tango Contigo teilen sich mit "d e r" Zurbrügg nicht nur den Abend, sondern auch ihr Faible für spanische und lateinamerikanische Kultur. Die beiden Absolventinnen der Universität für Musik und Darstellende Kunst verbinden den melancholischen Schwermut des Tango Nuevo mit perkussiver Improvisation und mediterranem Optimismus - und steuern der Tangowelt, die ansonsten in den letzten Jahren etwas von Akademismus bedroht schien, eine interessante Note bei.

Stas Venglevski stammt aus Moldawien, war Schüler von Friedrich Lips und emigrierte 1992 in die Vereinigten Staaten. Er gilt als einer der unumstrittenen Meister des Bajans, auf dem er z. B. Anthony Galla-Rinis Concerto Nr. 2 oder die extra für ihn von Dan Lawitts komponierte Suite "Bayan and Beyond" zur Uraufführung brachte. Obgleich zwischen Klassik und ethnischer Musik oszillierend, weist Venglevski auch eine Affinität zu Jazz auf.
Vladimir Denissenkov aus Cernovitz schlug 1995 seine Zelte in Italien auf, nachdem er sich bereits als Bajanist der Moskauer Philharmoniker sowie als Solokünstler international einen Namen gemacht hatte. In seiner neuen Heimat arbeitete er u. a. mit Fabrizio de André (auf "Anime salve"), Moni Ovadia und Ludovico Einaudi zusammen. Denissenkov ließ jeglichen Akademismus hinter sich und repräsentiert heute den klassischen bzw. kunstmusikalischen Rand der europäischen World-Music. Besonders mit seiner Band Guzulka empfindet er den Spirit seiner ostslawischen Wurzeln nach, tut dies unter Verwendung von Bläsern und Frauenstimmen auf eigenwillige, von einem volksmusikalischen oder aber rein klassischen Zugang weit entfernte Weise.

Richard Galliano fand seinen eigenen unverwechselbaren Stil und wurde zum unumstrittenen König des Musette-Jazz. Der Pariser Walzer erhielt sich in seinen Händen seine fröhliche Melancholie und sanfte Erotik, erstand aber durch Anreicherung mit Cool Jazz, Bepop, Gypsy-Swing, Bossa und - nicht zu vergessen - Tango zu neuem Leben. Nun - 13 Jahre nach dem Tod Piazzollas - zollte Richard Galliano mit seinem Septett seinem großen Vorbild und Freund Tribut und interpretierte ausschließlich dessen Kompositionen, teils erstaunlich werkgetreu, teils unter Zugabe eigener stilistischer Gewürze. "Piazzolla Forever" hieß der programmatische Titel der CD, die den viel gerühmten Konzerten des Richard Galliano Septets vorausging.

Drei Jahre sind vergangen, seit sich das von Janusz Wojtarowicz gegründete Motion Trio erstmals einem Wiener Publikum im Rahmen des Akkordeonfestivals vorstellte. Damals bereits galt es als das "Trio infernal" der polnischen Akkordeonavantgarde - ein Prädikat, das ihm bislang noch niemand streitig machen konnte. Vielmehr dehnte das Motion Trio in der Zwischenzeit seine Popularität auf ganz Europa aus. In der Tat boten die drei Krakauer eine Leistungsschau des auf dem Akkordeon Möglichen: eine einfallsreiche Gratwanderung zwischen klassischer Moderne und ethnisch gefärbter Harmonik (Musette, Tango, Celtic, Balkan), flechteten dabei Anspielungen auf Techno und elektronische Sounds ein und schafften es immer wieder, wie ein volles Orchester zu klingen, indem sie ihren Blasbälgen die Klänge von Streichern, Bläsern und Orgeln entlockten. Noch einen Widerspruch meistern sie: den zwischen äußerster spielerischer Präzision, kompositorischer Strenge, Groove und Spielwitz.

Mehr als ein musikalisches Kuriositätenkabinett boten zwei SpitzenmusikerInnen aus New York. Yuri Lemeshev, skurril-witziger Akkordeonkosak aus Downtown Manhattan, und Pamelia Kurstin, unerreichte Interpretin auf dem Theremin. Yuri Lemeshev, nach New York emigrierter Russe, entfaltete seine Kombination von humorvollem Entertainment und exzellenter Akkordeontechnik mit seiner Gypsy-Punk-Cabaret Band Gogol Bordello, war Akkordeonist von Conan O'Brien's Late Night Show und schlug gemeinsam mit Matt Darriau (Klezmatics) im Duo Desastro Totale wie ein Komet beim letztjährigen Akkordeonfestival in Wien ein. Gemeinsam interpretierten Lemeshev & Kurstin vorrangig Tango und Latin, wenngleich mit schwermütigen slawischen Akzenten.


         Nicht zu verachten waren die drei Festivalfinali!
Das Festival klang mit drei besonders heißen Konzerten aus: Gaucho-Grooves aus dem Süden Brasiliens (ALESSANDRO KRAMER TRIO), Roma-Grooves aus Bulgarien (MARTIN LUBENOV ORKESTAR) sowie ausgelassenem Cajun und feurigem Tex-Mex aus Österreich (CAJUN RED STARS und CHILI CHEEPS mit den Stargästen WILLI RESETARITS & CLAUDIA K.)

 Und wer zwischen den Konzerten noch etwas Zeit übrig hatte, konnte sich im Rahmen der Reihe „Akkordeon im Film“ vier reizvolle Filme rund um das Akkordeon ansehen: "Accordion Tribe", „El accordéon del diablo“, „Schultze gets the blues“ sowie „Die fabelhafte Welt der Amelie“.
 
Akkordeon, das bedeutet mehr als eine musikalische Stilrichtung, mehr als eine individuelle Art künstlerischer Selbstentfaltung - Akkordeon ist eine Lebensform!

  Letztes Update der angezeigten Seite: 30.April 2009, 22:07 

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