Friedrich Lips

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 Freitag, 24.November 2017 14:05 
Anekdoten aus dem Künstlerleben von Friedrich Lips

Anekdoten aus dem Künstlerleben von Friedrich Lips

Sicherlich erlebt jeder Musiker im Verlauf seiner Konzertreisen komische Geschichten. Einige dieser  humorvollen Momente aus meinem künstlerischen Leben möchte ich dem interessierten Leser nun vermitteln.

                                                                   Friedrich Lips

- - -

Während einer meiner ersten Gastspielreisen organisierte die Filharmonie von Smolensk für mich ein Konzert in der Kindermusikschule von Safonow. Es ist Samstag. Ich werde zwei Stunden vor dem Konzert in die Schule gebracht. Außer einer älteren Putzfrau war niemand da. Ich zog mich in einer der Klassen um und spielte mich ein. Bis zum Konzert war es noch mehr als eine Stunde. Ich ging auf dem Gang auf und ab und betrachtete alle Schautafeln. Langeweile kommt auf. Ich näherte mich meinem Plakat. Alles bekannt. Ich lese die Information über die Auflage, die Druckerei. Ich weiß schon nicht mehr, womit ich mich beschäftigen soll. In diesem Moment kommt die Putzfrau und fragt mitleidig:

            - Sie sind der Künstler?!

            - Ja.

            - Und die anderen Künstler kommen später?

            - Nein. Ich bin der einzige. Ich habe ein Solokonzert.

            - Wie bitte? Hier steht doch auch geschrieben: Bach, Franck, Schedrin... sind die alle erkrankt?

Erst jetzt verstand ich, dass sie meinen rot gedruckten Namen "FRIEDRICH LIPS" als Bezeichnung der Vorstellung auffasste, und darunter, dementsprechend, die Namen der Schauspieler.

* * *

Zug "Moskau - Jerewan". Der ganze Wagon ist voll. Der Zug fährt zwei Tage. Ich sollte irgendwo ein bisschen üben. Ich frage die Schaffnerin - eine Armenierin, ob es eine Möglichkeit dafür gibt. Da die meisten Leute auf der ganzen Welt Musik lieben, erlaubte sie mir, in ihrem eigenen Abteil zu spielen, während sie in derselben Zeit im Wagon Ordnung machte. Nach einiger Zeit schaute sie neugierig wieder vorbei, stand ein bisschen herum, hörte mir zu und fragte plötzlich:

            - Sie sind Musiker?

            - Ja.

            - Haben Sie Konzerte in Jerewan?

            - Ja.

            - Und wo sind die übrigen Künstler? - fragte sie naiv.

            - Aber sonst ist niemand da. Ich spiele allein das ganze Konzert.

            - Allein? ... Aber ... wozu? (Sie stand da mit offenem Mund und kam aus dem Staunen nicht mehr raus)

* * *  

Zug "Leningrad-Kaliningrad". Wir sind zu viert im Abteil: drei Männer und eine Frau. Einer der Reisegefährten - ein Oberst - erzählt lebhaft gestikulierend, dass sein Sohn Basketball spielt. Er ist auf die Karriere des Sohnes augenscheinlich sehr stolz und erzählt lange und begeistert über die Trainings und die Spiele. Wir drei hörten anfangs mit gewissem Interesse zu, aber nach einiger Zeit waren wir bereits müde und reagierten überhaupt nicht mehr. Der Oberst erzählte praktisch schon alles für sich selbst. In einer seiner Pausen bemerkte er plötzlich, dass das Interesse an seiner Erzählung erloschen war. Er beschloss, es wieder anzuheizen, und wandte sich unerwartet an mich:

            - Und Sie sind nicht zufällig Basketballspieler?

            - Nein.

            - Aber mein Sohn spielt Basketball. Und was machen Sie?

            - Ich bin Musiker, Bajanist.

            - Ah, das heißt also, Sie haben Konzerte in Kaliningrad! Und die übrigen Künstler fahren auch in diesem Wagon?

            - Nein. Ich bin allein.

            - Wie allein? Das kann nicht sein! - war der Oberst einigermaßen verblüfft.

            - Aber ja doch, ich bin allein. Ich spiele das ganze Konzert klassische Musik, wie Pianisten, Geiger...

            - Nein, das kann nicht sein! - ging der Oberst entschlossen in den Angriff über.

            - Sie selbst kommen woher, aus Moskau? Eben, Sie kommen aus Moskau, ein anderer Künstler kommt aus Leningrad, ein dritter aus Kiew, und ihr kommt alle zusammen und gebt ein großes Konzert. Wissen Sie, das ist wie bei der Basketballauswahl: ein Basketballspieler kommt aus einer Stadt, der zweite aus einer anderen, und so versammelt sich die ganze Mannschaft zu einem Spiel. Aber so, dass nur einer ...  Nein, das kann nicht sein. Fahren Sie also nach Kaliningrad und Sie werden schon sehen!

* * *

Pressekonferenz vor dem Festival in Kuhmo (Finnland). Auf die aktuelle Frage des Journalisten antwortet die hervorragende Bajanistin Marjut Tynkkynen ziemlich lange, natürlich auf finnisch. Der litauische Akkordeonist Eduard Gabnys flüsterte mir ins Ohr:

            - Das ist eine schwierige Sprache. Man versteht nichts.

            - Ja, praktisch gibt es kein einziges gemeinsames Wort mit einer europäischen Sprache. Sogar "Telefon" wird in allen Sprachen gleich   ausgesprochen, aber auf finnisch "puhelin".

            - Nein, ich weiß ein gemeinsames Wort mit der litauischen Sprache! Das ist das Wort "Axt". Das klingt auf finnisch und litauisch gleich - "kirves".

            - Ja, aber während der ganzen Pressekonferenz kam das Wort "Axt" meiner Meinung nach noch kein einziges Mal vor!

Während der restlichen Pressekonferenz konnten wir uns kaum halten vor Lachen.

* * *

Nach Abschluss des Festivals in Tscheljabinsk wurden wir von Machmud Scharafutdinow, dem Direktor der Kindermusikschule, zu sich in eines seiner Zimmer eingeladen. Wir sitzen zusammen mit A. Dmitriew, R. Schaichutdinow, B. Poterjajew u.a. Wir trinken Wodka und nehmen einen kleinen Imbiss. Es ist kein Bankett, weil der eine bereits einer Stunde zum Flughafen, der andere zum Bahnhof muss. Auf dem Tisch liegt ein noch ungeteilter Hering.

            - Oh! - rief der Direktor. Wer möchte den Hering herrichten? Ich mache das gerne. Ich richte ihn einfach her! Und er machte sich an die Arbeit. In ein paar Minuten war der Hering fertig und wurde feierlich serviert. Und da verkündete ich im Ton eines Conferenciers plötzlich mit lauter Stimme:

            - "Hering! In einer Bearbeitung von Machmud Scharafutdinow!"

* * *

Auf einer Reise schickte mich die Filharmonie (ich erinnere mich nicht an die Stadt) mit dem Autobuss (was immer schrecklich war, wie Gastsolisten wissen). Um mir mein Schicksal zu erleichtern, kaufte man mir zwei Fahrkarten. Ich verstaute Bajan und Koffer, und nahm Platz. Auf der Fahrt füllte der Chauffeur den Autobuss derart mit Fahrgästen, dass wir schließlich schon dicht zusammen gedrängt wie Sardinen in der Dose weiterfuhren. Natürlich musste ich meine Sachen vom Sitz nehmen und auf den Gang stellen, ansonsten "hätten mich die Leute nicht verstanden". Ich hatte den Bajan gerade erst auf den Boden gestellt, als eine alte Frau ihren Sack darauf plazierte.

            - Was machen Sie da? - erschrak ich und beförderte ihren schweren Sack wieder nach oben. - Ich habe dort oben Register!

            - Haben Sie Radieschen? Macht nichts! In meinem Sack sind Kartoffeln!

(„Register“ und „Radieschen“ klingen im Russischen sehr ähnlich!)

* * *

Es war die erste Stunde in einer der Musikmittelschulen im Rahmen meiner Gastspielreise. Der Saal war voll Zuhörer und der Schüler sehr unbegabt. Er spielt alles ohne Ausdruck, unrhythmisch und, was am schlimmsten ist, er versteht meine Bemerkungen und Anforderungen überhaupt nicht, es grenzte schon an völlige Unmusikalität. Ich frage ihn, schon mit größtmöglicher Geduld:

            - Ich verlange von ihnen Rhythmus, verstehen Sie, was ich von ihnen fordere?

            - Soll ich schnellerer spielen? - fragte er mich, ohne mit der Wimper zu zucken.

            - Regelmäßigerer! - so antwortete ich unter dem Gelächter des Saals, ebenfalls ohne mit der Wimper zu zucken.

* * *

Zum 60. Jahrestag der Oktoberrevoluion organisierte Moskonzert einen Wettbewerb der besten Interpretation eines Werkes sowjetischer Komponisten. Josef Puriz entschloss sich zu einer Teilnahme, weil er noch nicht Preisträger eines Wettbewerbs war: im Jahre 1968 absolvierte er zwar glänzend die Vorauswahl für den Wettbewerb in Klingenthal, wegen Nichtbezahlung des Komsomolmitgliedsbeitrags wurde ihm aber die Reise ins Ausland verweigert. In der Folge spielte er bei Auswahlspielen weniger erfolgreich. Ich wurde Zeuge eines Dialogs zwischen dem Vorsitzenden der Jury, einem Cellisten der älteren Generation, Leiter der filharmonischen Abteilung von Moskonzert, dem unvergesslichen Jakob Moisejewitsch Smoljanskij und dem schon auf der Bühne sitzenden Puriz:

            - Josef, was werden Sie spielen?

            - Ich werde zwei Volksliedbearbeitungen spielen: eine moldawische und eine russische.

Da Smoljanskij lange Jahre auch Leiter der Parteiorganisation der Abteilung war, waren ihm Ideologiefragen nicht fremd:

            - Ihr Programm entspricht nicht der Ausschreibung des Wettbewerbs. Man muss ein Stück eines sowjetischen Komponisten und eine Bearbeitung eines russischen Volksliedes spielen.

            - Aber meine beiden Stücke sind doch von sowjetischen Komponisten und beide sind Bearbeitungen. Sie passen also so oder so!

            - Nun, meinetwegen, - ließ Jakob Moisejewitsch Gnade vor Recht ergehen.

            - Dann spielen Sie das moldawische Stück als russisches, und das russische als sowjetisches!

            So eine Seele von Mensch war er.

* * *

Eine ziemlich törichte Dame, die sich ständig verspätete, und die administrative Arbeit bei Moskonzert mit der Rolle verband, durch Konzerte zu führen, kam wie immer zu spät zu einem angesetzten Konzert und, nachdem sie sich in aller Eile umgezogen hatte, stürzte außer Atem auf die Bühne hinaus, um mich anzukündigen:

            - Es spielt nun der Preisträger des internationalen Wettbewerbs Friedrich ...  (hier vergaß sie in dieser überhasteten Situation natürlich meinen Familiennamen und, nach einigen Sekunden einer hilflosen Pause setzte sie mit verlegenem Lächeln fort: - aber nicht Engels!

* * *

Bei einem meiner Solokonzerte kündigt die Ansagerin mein folgendes Stück an:

"Ljadow. Muzykalnaja taburetka (=Musikalischer Schemel)" Anstatt: "Muzykalnaja tabakerka (Musikalische Spieldose)".

* * *  

Ein einstündiges Konzert im Fernsehen in einem regionalen Sender. Live-Übertragung. Am Programm steht neben anderen Werken auch die "Kindersuite Nr. 1" von Wl. Solotarjow. Die Ansagerin kündigt jeden Satz einzeln an, und, offensichtlich wurde der Titel des dritten Satzes vor Beginn der Sendung nicht deutlich aufgeschrieben, und anstatt "Schut na garmonikje igraet" (Der Clown spielt auf der Harmonika), sagt sie "Idut i na garmonikje igrajut" (Sie gehen und spielen auf der Harmonika). Damit mein Lächeln nicht zu sehen war, verbarg ich mein Gesicht hinter dem Gehäuse des Bajans und begann zu spielen.

* * *

Konzert in einer ukrainischen Stadt. Die Ansagerin kündigt das folgende Stück an: "Daquin. Sosulja!" Nach diesem Konzert gefiel mir dieses einschmeichelnde ukrainische Wort sehr gut: "Sosulja", aber wenn Du es erstmals anstatt des gewohnten "Kukuschka" (dt. Kuckuck) hörst, dann mutet es doch lustig an ...

* * *

In einer ukrainischen Stadt wurde mein Konzert für Schüler einer Kindermusikschule in das Kulturhaus verlegt. Nach den Draufgaben, zuletzt "Der fröhliche Zug" von Solowjow-Sedoj, kam der Direktor des Kulturhauses auf die Bühne und hielt eine Rede, wobei er die russische Sprache mit der ukrainischen verwechselte:

            - Genossen! Was für eine große Kraft steckt doch in dieser Musik! Man spürt so richtig, wie der Zug fährt! Heute spielte vor uns ein großartiger Künstler! Ihnen sei herzlich gedankt! - drückte er mir die Hand. - Aber bald wird bei uns noch ein hervorragender Künstler auftreten ... wie ist denn sein Familienname? ... - Der Direktor begann, fieberhaft in seinem Sakko herumzukramen, fand schließlich ein Notizbuch, blätterte es durch und setzte dann freudig fort: "Oh! Ich erinnere mich! Bald wird Rachmaninow zu uns kommen!"

            (Im Foyer des Kulturhauses hing nämlich das Plakat des Solokonzerts eines Pianisten mit Werken von S. Rachmaninow. Der Familienname des Komponisten war mit roten Großbuchstaben gedruckt).

* * *

Klingenthal, im Jahre1982. Die Mitglieder der Jury trinken in der Pause Kaffee im Juryzimmer. Fernand Lacroix, Vertreter der Schweiz, der mich wiederholt zu Konzerten und Seminaren nach Frankreich und in die Schweiz eingeladen hatte, begann das Gespräch:

            - Mir gefällt die Akustik in diesem Saal, das Bajan klingt wie in einer Kirche (das war noch der alte Saal neben der Kirche, er später abgerissen wurde, im Jahre 1969 spielte ich dort im Wettbewerb - Friedrich Lips).

            - Ja! - erwiderte ich. Die Akustik in einer Kirche ist ideal für unser Instrument.

- In der Kirche klingt das Akkordeon gut, - bekräftigte das polnische Jurymitglied Lech Puchnowski, - aber die beste Akustik gibt es in einer Synagoge.                 Einst spielten wir mit dem Warschauer Akkordeonquintett in einer Synagoge. Was für eine Akustik gab es dort! Wir nehmen einen Akkord - er klingt!!!                (Hier begann  Puchnowski vor lauter Erregung seinen Schnurrbart zu zirbeln).

- Und dann geht dieser Akkord weg! - hier hielt Puchnowski eine theatralische Pause, erstarrte in einer effektvollen Pose - damit wollte er sicherlich verdeutlichen, wie lange das Echo anhält ...

            - Und die Synagoge bleibt! - bemerkte ich hier abschließend.

Allgemeines Gelächter, Lacroix verschluckte sich ein bisschen beim Kaffee, das Zirbeln des Schnurrbarts von Puchnowski war auch komisch, aber ihm wurde in der Erzählung die Pointe gestohlen! ...

* * *

            Im Jahre 1988 wurde ich erstmals zu Konzerten und einem Seminar nach Spanien eingeladen. Die Spanier verhalten sich traditioneller Weise zu uns sehr freundlich, und in Anbetracht dessen, dass zu dieser Zeit nicht oft ein Gesandter der Sowjetunion in diesem Land war, lud mich der Bürgermeister von Vittoria am Tag des Konzerts zu einem Willkommenstreffen ein. Nach seiner Begrüßung begann die Pressekonferenz mit mir, die stehend in einem riesigen Saal abgehalten wurde, der mit spanischer Malerei dekoriert war. Damals sprach ich russisch und deutsch, die Spanier können außer ihrer Sprache fast alle französisch. Als Übersetzer wurde aus Österreich mein Freund Herbert Scheibenreif eingeladen, der deutsch und französisch sprach. Die meisten Journalisten von verschiedenen Zeitungen stellten mir ihre Fragen auf spanisch, die Übersetzerin übersetzte auf französisch, Herbert von französisch auf deutsch. Ich antwortete auf deutsch, Herbert übersetzte auf französisch, die Übersetzerin auf spanisch. Bald wurde mir diese Vorgangsweise zu langweilig, und weil ich mit Herbert seit 1977 gut bekannt und er in vielen meiner Kurse war,  bat ich ihn aus Zeitgründen, auf gewisse Fragen gleich direkt zu antworten, ohne mich zu fragen. Bald ließ sich mein Freund zu so ausführlichen Antworten hinreißen, dass sich die Journalisten gleich direkt an ihn wandten.

            Aber da hatte ich eine Idee! Ich trat allmählich zur Seite, verlor mich in der Menge,  ging auf eine Treppe hinauf und beobachtete von oben, wie zahlreiche Fotografen von allen Seiten den auf die Fragen antwortenden Herbert fotografierten. Ich malte mir schon im voraus aus, dass am folgenden Tag alle Zeitungen mit Fotos meines Freundes erscheinen werden, unter denen mein Name stehen würde. Aber dann besann sich einer der lokalen Akkordeonisten: „Friedrich Lips steht aber dort!“ Und in diesem Moment wurden alle Kameras auf mich gerichtet. Schade ... Das wäre ein lustige Geschichte  in der besten Tradition der bekannten Späße des berühmten Komponisten Nikita Bogoslowskij gewesen.

* * *  

Flughafen Scheremetjewo in Moskau. Ich treffe eine Delegation französischer und Schweizer Bajanisten unter der Führung von Fernand Lacroix. Da ich die meisten von ihnen gut kenne, will ich besonders gastfreundlich sein, indem ich jedem die Hand drücke und sie beim Ausgang auf französisch begrüße: „Au revoir!... Au revoir!...         Au revoir!...“ Bald bemerkte ich, dass meine Gäste irgendwie eigenartig reagierten,          aber erst nachdem etwa die Hälfte vorbei gegangen war, besann ich mich endlich: « Bonjour !… Bonjour !… Bonjour!“  (Au revoir! – Auf Wiedersehen! (franz.), aber Bonjour! – Guten Tag!).  Da die Franzosen gerne lachen, gab es Gelächter bei allen nicht nur auf dem Flughafen, sondern auch an den folgenden Tagen.

* * *

Nach meinem Solokonzert im Dänischen Königlichen Konservatorium in Kopenhagen sitzen wir mit Mogens Ellegaard und seinen Studenten im Restaurant. Im Ausland ist es nicht so wie bei uns üblich, viele Lobreden zu halten und auf jemanden anzustoßen, sondern man unterhält sich einfach, indem man Witze austauscht. Mogens spöttelte gerne über die kommunistische Ordnung in der Sowjetunion und gab sich seinem Steckenpferd hin:

- Aber bei Euch in der Sowjetunion gibt es keine Demokratie!

Erzogen in der besten Tradition des Marxismus-Leninismus, widersprach ich natürlich:

- Warum gibt es keine? Es gibt!

- Nun, ich kann zum Beispiel in Kopenhagen zum Amtssitz der Regierung kommen und laut sagen, dass Nielsen, der Premierminister Dänemarks, ein  Idiot ist. Kannst Du etwas Ähnliches in Moskau machen?

- Natürlich kann ich! – wehrte ich hier ab, indem ich mich an eine berühmte Anekdote erinnerte. – Ich kann auch bei uns in Moskau auf den Roten Platz gehen und laut rufen: „Der Premierminister Dänemarks Nielsen ist ein Idiot!“

* * *

Im Jahre 2002 in der polnischen Stadt Sanok. Im Abschlusskonzert des Festivals und Wettbewerbs spielte ein Akkordeonorchester, das aus der Slowakei gekommen war. Vladimir Cuchran, der Dirigent des Orchesters, begann plötzlich, seinen Unmut darüber zu äußern, dass die Organisatoren die Benzinkosten für den Buss nicht genau bezahlt hatten: „Warum wird für jeden Kilometer der Reise in Polen weniger bezahlt als in der Slowakei?“ . „Bei uns in Polen gelten nun einmal diese Tarife!“ – sprach Lech Puchnowski. „Aber bei uns in der Slowakei zahlt man für Benzin für jeden Kilometer mehr!“ Die Situation passte insgesamt schon überhaupt nicht mehr zu einem Bankett, sodass ich mich unerwartet einmischte: „Vlado, ganz einfach, bei Euch in der Slowakei sind die Kilometer bestimmt länger!“ Nach meinem Zwischenruf löste sich die Spannung in allgemeine Heiterkeit auf, und das Bankett verlief weiter in gewohnten Bahnen.

* * * 

In Odessa war ich nicht oft, ich mochte diese Stadt jedoch wegen des völlig einzigartigen und farbenreichen Humors ihrer Bewohner. Dort ist jeder Tag voll mit irgendwelchen Szenen feinen Humors.

Ich erinnere mich an meine erste Ankunft in Odessa im Jahre 1972. Über die Gangway verlasse ich das Flugzeug und begebe mich zum Flughafen, um den Koffer zu holen. Von beiden Seiten warteten Leute, um jemanden zu treffen. Einer von ihnen, mit einer Zigarette im Mund, kennt offenbar den, auf den er wartet, nicht von Angesicht zu Angesicht  - das ist zu erkennen an seinen umherschweifenden, unruhigen Blicken. Er erblickt mich mit meinem Bajan, und schon wirkt er viel gelassener, wirft die Zigarette mit Genuss von einem Mundwinkel in den anderen, und sagt salopp:

            - Warten Sie auf jemanden von der Filharmonie?

            Ich brach in Gelächter aus, verstand sofort, dass ich in Odessa bin, und dass mich auf diese Weise der Administrator der Filharmonie trifft. Wir saßen in einem veralteten Autobus, wo es während der Fahrt den Anschein hatte, als würde er ständig irgendwelche Teile verlieren. Zu dieser Zeit wurden die Autobusse auf Anordnung der damaligen sowjetischen Kulturministerin E.A. Furzewa in den Autowerken von Uljanowsk speziell für die Filharmonie gebaut: in diesen Bussen war es im Sommer heiß, und im Winter kalt. Die Künstler gaben diesen schwerfälligen Fahrzeugen zu Ehren der Ministerin den Spitznamen „Furz-Wagen“. Wir besprachen mit dem Administrator den Plan für meinen Aufenthalt in Odessa, danach schwiegen wir. Nach einiger Zeit drehte sich der Chauffeur zu uns um und bat:

           - Sprechen Sie bitte hinten weiter, denn dieser Autobuss ist so alt, dass er in jedem Moment auseinanderbrechen kann, und ich höre dann nicht, ob Sie noch da sind oder nicht!

            Ich wurde im Hotel „Krasnaja“ untergebracht. Am Morgen gehe ich auf die Straße – vor dem Eingang steht eine ältere, schon etwas beleibtere Frau jüdischer Abstammung (sie sprach nämlich den Buchstagen „r“ mit typisch jüdischem Akzent) aus Odessa. In einer Entfernung von zehn Metern hält der Trolleybus mit der Nummer 5.

Diese Dame rührte sich nicht von der Stelle und warf ruhig in den Raum:

-         Ist das ein Trolleybus? 

Da in einem gewissen Umkreis sonst niemand stand, nahm ich an, dass die Frage an mich gerichtet war, und ich hielt es für angebracht zu antworten:

- Ja.

- Nummer 5?

- Ja.

- Warum steht er dann dort? (Dabei verschränkte sie ihre Arme und nahm eine Pose wie Napoleon ein, um allen mit ihrem Anblick zu zeigen:

   Woran liegt es? Warum steht er dort? Wo ich doch hier stehe!)

Ich gehe auf der bekannten Deribasowskaja-Straße. Gegenüber einem Kaufhaus verkauft eine junge Frau aus Odessa Eier auf der Straße. Davor hat sich eine sehr abwechslungsreiche Reihe gebildet. Ich erinnere mich: bei einem der Wartenden öffnete sich so die Geldbörse, dass der Inhalt auf den Asfalt herausfiel, aber er blickte tiefsinnig in die Ferne... Als ich vorbeiging, kaufte eine ältere Dame bei der jungen Eier. Ich hörte ihren Dialog, blieb in der Vorfreude auf die folgende Szene stehen und täuschte mich nicht:

- Warum geben Sie mir dieses angeschlagene Ei?

- Aber es ist fast ganz! – (Ich sah, dass ein Drittel der Eier angeschlagen war).

- Ich kaufe bei Ihnen zehn Eier für einen Rubel zwanzig, und Sie geben mir nur neun Eier für einen Rubel zwanzig!

- Warum ich Ihnen neun Eier für einen Rubel zwanzig verkaufe? Ich verkaufe Ihnen zehn Eier für einen Rubel zwanzig! Es ist ja noch voll und nicht ausgeflossen!

-  Reicht es denn nicht, sollte es auch noch ausgeflossen sein?

Der stellvertretende Direktor der Filharmonie namens Bubis hat mit mir eine Unterredung:

            - Auf dem Plan unserer Filharmonie haben wir drei Konzerte für Sie: eines im Konzertsaal der Filharmonie, eines in der Musikmittelschule und, wenn Sie nichts                dagegen haben, möchten wir Ihnen als drittes vorschlagen,  ein paar Stücke im Gemeinschaftskonzert in einem Park zu spielen. Aber wir bezahlen Sie                natürlich wie für ein Solokonzert.

Ich hatte keinen Einwand. Am festgesetzten Tag werde ich zum Park gebracht. Auf dem Weg zur Bühne traf ich auf einen Kiosk mit der folgenden Aufschrift im Fenster: „Bier“. Ich musste lachen. Bis zu dieser Zeit kannte ich nur zwei Aufschriften. In Gasthäusern – „Kein Platz“, und in Kaufhäusern und Kiosken – „Kein Bier“. Aber wenn es Bier gibt – wozu soll man es schreiben?

Ich spiele zu Beginn des Estradenkonzerts zwei effektvolle Stücke, die sehr gut angenommen werden. Bubis kommt hinter den Kulissen herbeigelaufen:

- Nun, sind Sie zufrieden? Sind Sie uns nicht böse?

- Aber warum? Ich wurde wunderbar aufgenommen, man hörte sehr gut zu,           

   im Saal war es ruhig.

-  Weil bei uns im Saal nur ausgesuchte Leute gesessen sind! 

   (!? – Friedrich Lips)

 

Ich fahre nach dem Konzert im Autobus mit den anderen Künstlern zum Hotel. 

Vor mir sitzt jener Bajanist, der eine Sängerin auf seinem Instrument begleitet hat. Sie sagt zu ihm:

- Warum legst Du Dich mit Deinem Akkordeon auf mich?

- Das ist kein Akkordeon, das ist ein Bajan!

- Ha! Denkst Du denn, dass es dann leichter für mich ist?

           

            Wir fahren in der Stille. Plötzlich eine einsame Stimme im Autobus:

- Bubis wurde das Auto gestohlen.

Keine Reaktion. Wir fahren weiter. Stille. Fünf Minuten später dieselbe Stimme:

- Das Auto von Bubis wurde gefunden. Ganz zerstört.

Keine Aufmerksamkeit. Stille. Und schon waren wir beim Hotel „Krasnaja“.

 

  Letztes Update der angezeigten Seite: 30.April 2009, 22:07 

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