Friedrich Lips

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 Freitag, 24.November 2017 14:03 
Friedrich Lips

Friedrich Lips

 

SERGEJ BERINSKIJ

 (1946-1998)

 

Im Jahre 1990 erhielt ich zu Hause einen Telefonanruf:

-         Guten Tag! Hier spricht der Komponist Sergej Berinskij. Wir sind nicht bekannt. Ich bin gerade aus Astrachan zurückgekehrt, wo mich einer der dortigen Komponisten gebeten hat, Ihnen sein Werk für Bajan zu überbringen.

Bekanntlich haben mir sehr viele Komponisten im Verlauf all meiner Gastspielreisen ihre Werke gegeben oder mit der Post geschickt - in der Hoffnung auf Aufführung.   Ich habe es nie abgelehnt, mich damit zu beschäftigen: warum also diesmal? Wie damals beim russischen Poeten Majakowskij: „... wegen eines einzigen Wortes müssen tausend Tonnen mündlichen Erzes verschmolzen werden“.  Berinskij selbst war zu dieser Zeit schon ziemlich bekannt, deshalb fragte ich ihn gerade auf die Stirn zu:

-         Und vielleicht schreiben Sie selbst etwas?

-          Oh! – erwiderte überrascht mein Gesprächspartner mit der für ihn charakteristischen tiefen Stimme - eine interessante Frage! Aber warum nicht? Ich habe noch nicht für Bajan geschrieben. Das kann sehr interessant sein.

So begann unsere Bekanntschaft und schöpferische Freundschaft, die acht Jahre lang bis zum frühzeitigen Tode des Komponisten andauern sollte, mit einem zufälligen Telefongespräch. Das erste Werk wurde von ihm sehr schnell geschrieben,  noch im Jahre 1990, und hieß ursprünglich „Partita“ für Bajan in vier Sätzen:                   1 – Kadenz, 2 – Also sprach Zarathustra, 3 – Choral, 4 – Wiegenlied. Bald darauf entschied Serjoscha, die ganze Partita „Also sprach Zarathustra“ zu nennen, und aus dem zweiten Satz wurde ein „Tanz“. Natürlich musste er die endgültige Fassung des Textes machen, aber es erstaunte mich, wie genau Berinskij über das Bajan Bescheid wusste: die Faktur lag angenehm auf dem Instrument und der Klang des Bajans war authentisch. Von seinem ersten Werk an war mir die Klangwelt Berinskij’s sehr nah. Seine Gedanken waren immer ausdrucksstark und klar in der Intonation dargestellt. Die Entwicklung der musikalischen Idee verläuft praktisch immer in weitem Bogen und mit entblößtem Nerv. Wenn Leidenschaft – dann vorbehaltlos, wenn Kummer und Leid – dann soll der ganze Kosmos davon erfüllt werden. Seine Farben zwingen dazu, auf der Bühne „nicht zum Spaß zu sterben, sondern in vollem Ernst“. Die künstlerischen Aufgaben waren ihm immer sehr wichtig – davon zeugen auch ihre Titel: „Glocken Warschaus“, „Psalmen Davids“, „... und der Himmel verfinsterte sich“ (Apokalypse, Kapitel 6), „Also sprach Zarathustra“... Biblische Motive waren ihm sehr vertraut. Und auch der Komponist selbst erinnerte in seinem Äußeren an Personen aus der Bibel.

            Ich erinnere mich, wie hervorragend er seinen „Klub Sergej Berinskij“ führte; seine Monologe sprühten über vor neuen Ideen, originellen Gedanken und kurzweiligem, spontanem Humor. Die Versammlungen des Klubs fanden monatlich im „Muzykalnaja Gostinaja Doma Schuwalowoj“ statt und vereinigten oft die musikalische Elite Moskaus. Im Rahmen seiner Tätigkeit als Redakteur der Zeitung „Muzykalnaja Akademija“ führte Sergej Berinskij Gespräche mit bekannten Komponisten und machte mit ihnen Interviews. Er konnte seinen Gesprächspartner einladen zu einem offenen formlosen Gespräch, und seine Fragen waren nicht weniger interessant als die Antworten, die aber manchmal in kleine erklärende Monologe ausarteten, wo er nur schwer seinen Intellekt verbergen konnte.

            Aus eigenem Antrieb schrieb Berinskij 1991 das folgende Werk für unser Duo mit dem bedeutenden Violoncellisten Vladimir Toncha: „Il dolce dolore“ („süßer Schmerz“, ital.)

            Im Jahre 1991 wurde ich in die Jury des internationalen Hugo Herrmann-Wettbewerbs in der deutschen Stadt Witten eingeladen. Während des Wettbewerbs wandte sich sein Organisator Wolfgang Eschenbacher, Präsident des DALV (Deutscher Akkordeonlehrerverband), mit der Bitte an mich, zwei Duos – Bajan in Kombination mit einem Instrument des sinfonischen Orchesters – zweier russischer Komponisten für den nächsten Wettbewerb zu bestellen. Da die Komponisten dafür ein bestimmtes Honorar erhalten sollten, überbrachte ich gerne diesen Kompositions-auftrag Kirill Wolkow (er schrieb „Hommage à Thomas von Celano“* für Violoncello und Bajan) und Sergej Berinskij. Serjoscha schrieb „Sempre maiore!“ für Oboe und Bajan im Stil des indischen Raga. Beide Werke wurden von den Organisatoren positiv aufgenommen. Ich freue mich immer aufrichtig über die Möglichkeit, meinen Freunden unter den Komponisten helfen zu können. Die Kreation eines Werkes ist nämlich eine ernste und schöpferische Arbeit, die entsprechend entlohnt werden muss. Leider liegt es in der Natur des Menschen, eher zu nehmen als zu geben: schreib etwas, und ich werde es vielleicht spielen. Ich halte das System der Kompositionsaufträge für sehr vernünftig, obwohl praktisch alle für mich geschriebenen Werke aus Freundschaft oder dank persönlicher Sympathie geschrieben wurden.

Bald darauf entstand das völlig ungewöhnliche Werk „Drei Stücke in mauvais Stil“ (1992) für Bajan mit Mikrofon, das die Absicht des Autors in Richtung einer übertrieben naturalistischen Klangfülle noch verstärken sollte. Ich möchte bemerken, dass, neben den biblischen Motiven, der markante, ausgesprochen männliche Anfang das hervorstechende Merkmal dieses Werkes war.

In den acht Jahren unserer Verbindung schrieb Berinskij acht bedeutende Werke für Bajan – Solo und Ensemble, wobei manchmal die Initiative von ihm selbst aus ging, aber manchmal auch von mir. Ich erinnere mich, als ich ihn einmal anrief, um folgenden Vorschlag zu machen:

-         Serjoscha, was halten Sie von der Idee, „Apokalypse“ für Bajan und

Sinfonieorchester zu schreiben? (Wir waren immer per „Sie“, und trotz 

      unserer ziemlich engen Kontakte kam es nie zu vertrauten Beziehungen).

-         Oh! Was für eine Idee! Und warum gerade Apokalypse?

-         Nun, wäre es nur, weil in diesem Wort mein Familienname (Apokalypse, russ. apocalipsis) enthalten ist...

Aber im allgemeinen handelt es sich doch um ein gewaltiges Thema.

 

Thomas von Celano war ein mittelalterlicher, italienischer Mönch und ist Autor des bekannten Themas finsterer Mächte – Dies irae.

 

Abends das folgende Telefongespräch:

-         Friedrich, heute wäre ich beinahe von einer Straßenbahn überfahren worden

-         Wie das?

-         Den ganzen Tag war ich in Gedanken über Ihre Idee mit der „Apokalypse“ versunken. Ich war so begeistert, dass ich beim Überqueren der Straße nicht einmal die vorbeifahrende Straßenbahn bemerkte.

Die Symphonie Nr.3 „...und der Himmel verfinsterte sich“ (Apokalypse,         Kapitel 6) für Bajan und Symphonieorchester wurde von ihm 1993 geschrieben. Die Uraufführung fand in Jekaterinburg mit dem Ural-Symphonieorchester statt. Es dirigierte der Chefdirigent dieses Klangkörpers, Dmitrij Liss, später führten wir die Symphonie in der gleichen Zusammensetzung in Moskau auf, im Großen Saal des Tschaikowskij-Konservatoriums. In der Folge gab es Aufführungen der Symphonie in Kemerovo (Dirigent Jurij Nikolajewskij) und in Izmir (Türkei, Dirigent Alpaslan Ertungealp). Noch während der Arbeit an der Symphonie warnte ich Serjoscha vor der Verwendung der Bajans bei vollem Orchesterklang. Es scheint nämlich nur so, dass das Bajan ein lautes Instrument ist. In der Tat geht sein Klang in der Fülle des Orchesters unter. Über dieses Thema kam es zwischen Vladimir Toncha und mir oft zu Diskussionen: „Spiel leiser!“, bat er immer. Nach dem Konzert hörte man die Meinung aus dem Publikum: das Bajan klang zu leise. Es ist eine Tatsache, dass der Klang des Bajans in der Nähe sehr laut scheint, jedoch häufig der Saal davon nicht erfüllt wird. Wir haben ungefähr tausend Stimmzungen, die Resonanzkammern sind jedoch sehr klein. Beim Violoncello hingegen und, zum Beispiel, bei der Geige gibt es nur vier Saiten, aber dafür einen Resonanzraum, wo der Ton erzeugt wird. Serjoscha verstand es sehr gut, diese Schwierigkeiten zu meistern, seine Instrumentierung übertönte nicht den lebendigen Klang des Bajans. Und in der Kulmination wurde sehr wirkungsvoll das Mikrofon dazugeschaltet.

            Das Trio für Sopran, Bajan und Klavier – „Miserere“ - Erbarme Dich unser, Herr (1993) – war ein unerwartetes Geschenk, gewidmet meinem Sohn Svjatoslav Lips und mir. Meiner Ansicht nach ist es dem Komponisten gelungen, die schwierig kombinierbaren Klangfarben des Bajans und des Klaviers erfolgreich zu verbinden. Keines der beiden Instrumente hat dabei begleitenden Charakter; zusammen mit der Stimme entstehen drei parallele Linien, die das sehr prägnante biblische Bild erzeugen, wobei jede Stimme für sich markant und gleichzeitig fest eingefügt ist. Die Premiere dieses Werks und die CD-Aufnahme realisierten wir mit der hervorragenden Sängerin Tatjana Kuindschi.

            1996 wurde in der spanischen Stadt Arrasate auf Initiative des Akkordeon-verbands der baskischen Provinz Guipuzcoa ein internationaler Wettbewerb für Bajanisten und Akkordeonisten veranstaltet. Die Organisatoren wandten sich an mich mit der Idee, ein russischer Komponist sollte für einen der folgenden Wettbewerbe ein neues Werk als Pflichtstück schreiben. Ich dachte sofort an Berinskij, umso mehr als seine „Partita“ in Spanien bereits große Popularität erlangt hatte. Serjoscha

 reagierte sehr rasch auf diesen Vorschlag, und bald war das Stück mit dem Titel „Cinema“ fertig (1997). Es ist dem italienischen Komponisten Nino Rota gewidmet, der durch seine schönen Melodien und die gemeinsame Arbeit mit dem großen Regisseur Federico Fellini bekannt war. Das Stück ist tatsächlich sehr filmgerecht, in gewisser Hinsicht sogar exzentrisch, unter Verwendung der eigenen Stimme des Interpreten.

             Ein weiteres bedeutendes Werk – „Meereslandschaft“ für Violine und Bajan –

wurde von Berinskij nach dem Besuch des Musikfestivals in Odessa geschaffen: „Friedrich, wie sie wissen, gibt es in Odessa das wunderbare Duett Lena und Wanja Jergiev. Sie gefallen mir sehr. Ich versprach, ihnen irgendetwas zu schreiben“. Die Bajanpartie im Manuskript dieses Werks habe ich mit Serjoscha gemeinsam verfasst, weil seine fanatasievolle Klangvorstellung eine gewisse Korrektur nötig machte. Ich schlug ihm mit dem Instrument in Händen verschiedene Varianten vor, und er wählte die bestmögliche aus. Das Werk ist sehr pittoresk geworden, eine raffinierte Klangmalerei, als ob er uns das Bild einer prächtigen Meereslandschaft malte: in der Bajanpartie das Schwanken und die riesige Macht des endlosen Wasserspiegels, und die Geige bringt Elemente des Lebens in diese Landschaft, zum Beispiel das Kreischen der Möwen. Die Premiere fand zweimal statt: in Italien beim internationalen Musikfestival in der Stadt Portogruaro, wo ich „Meereslandschaft“ mit der Tochter Serjoschas, der ausgezeichneten Geigerin Julia Berinskaja spielte, und in Odessa durch E. und I. Jergiev.

            1996 schrieb Berinskij das Stück „Lichtwellen“ für zwei Bajans. Die Idee ging von mir aus: „Serjoscha, ich möchte ein Stück auf der Bühne sitzend beginnen, und plötzlich muss über das Publikum die Klangfülle eines zweiten Instruments hereinbrechen. Mein Partner muss am Ende des Saals mir gegenüber unauffällig Platz nehmen. Alles muss unerwartet sein, dann wird es sicher effektvoll.“ Wie immer kam Serjoscha mit dieser Aufgabenstellung in kürzester Zeit glänzend zurecht. Die Premiere spielte ich im Konzertsaal des Konservatoriums in Groningen (Niederlande) zusammen mit der bekannten holländischen Akkordeonistin Mini Dekkers (uns beiden ist dieses Duett auch gewidmet). Die russische Premiere fand in meinem Jubiläumskonzert im Dezember 1998 im Konzertsaal der Russischen Gnessin-Musikakademie mit meinem Schüler Aleksandr Sevastjan statt, Preisträger vieler internationaler Wettbewerbe.

            Im Frühjahr 1997 teilte mir Serjoscha telefonisch seine Meinung über meinen Plan hinsichtlich der Durchführung seines Autorenkonzerts mit: „Verstehen Sie, Friedrich! Soviel Musik habe ich schon geschrieben, aber einen großen Konzert-abend mit meinen Werken hat es eigentlich noch nicht gegeben. Könnten Sie nicht teilnehmen und ein paar Stücke spielen?“ Natürlich war ich einverstanden. Doch je näher der Herbst heranrückte, desto mehr stellte sich heraus, dass viele Musiker, die bereits für das Konzert zugesagt hatten, aus verschiedensten Gründen nun absagten. Und tatsächlich ist es nicht einfach, ein Konzert mit mehreren Mitwirkenden zu organisieren: jeder Künstler hat seinen eigenen Terminkalender mit vielen anderen Verpflichtungen. Serjoscha war natürlich niedergeschlagen und rief mich an: „Was soll ich machen? Meine ganze Hoffnung ruht nun auf Ihnen!“ Einer seiner Aussprüche am Telefon imponierte mir einmal ganz besonders: „Friedrich! Ich bin sehr gern mit Ihnen in Verbindung, weil von Ihnen immer irgendwelche positiven Impulse ausgehen“. Ich überlegte ein bisschen und schlug ihm dann vor, mein für den 16. November 1997 im Konzertsaal der Russischen Gnessin-Musikakademie im Abonnement „Die Gnessin-Akademie stellt vor“ geplantes Solokonzert als Bajanabend zu veranstalten, in dem sich seine Solowerke mit kammermusikalischen abwechseln, und somit ein Komponistenkonzert mit Werken von Sergej Berinskij entsteht. Das war der Ausweg aus dieser misslichen Situation, und Serjoscha stimmte freudestrahlend zu. Natürlich lag ein bestimmtes Risiko in dieser Idee.    

Die Pianisten spielen manchmal Autorenprogramme mit Werken von F. Chopin,       F. Liszt, L. v. Beethoven...  Aber hier ging es um das Konzert eines Bajanisten, noch dazu mit Musik eines zeitgenössischen Autors, die noch nicht gut genug bekannt war, und die im großen und ganzen zum ersten Mal gespielt wurde. Bekanntlich hatte ich bereits vor vielen Jahren die Gelegenheit, einen ähnlichen Abend mit Werken eines einzigen Autors zu spielen. Es war das Konzert zur Erinnerung an Vladislav Solotarjov im Jahre 1976. In solchen Fällen kann man nur auf das Vertrauen des Publikums zu sich und zum Komponisten hoffen.

            Das Programm dieses Konzerts im 1. Teil: Partita „Also sprach Zarathustra“ (Solo), „Il dolce dolore“ (Violoncello und Bajan), „Miserere“ (Sopran, Bajan und Klavier); im 2. Teil: „Drei Stücke in mauvais Stil” (Solo), „Meereslandschaft” (Violine und Bajan) und „Cinema” (Solo). Das Konzert zog mehr Leute an, als der Saal fassen konnte.  Serjoscha, der bei seinen Autorenabenden mit ausverkauften Sälen nicht verwöhnt war, konnte wahrscheinlich vor Aufregung keinen freien Stuhl für sich finden und stand irgendwo auf der Galerie. Nach dem Konzert scherzte er: „Friedrich, in Ihrem Konzert war mehr Publikum als in all meinen früheren Konzerten zusammen genommen!“ Berinskij war zu dieser Zeit bereits unheilbar krank, und ich war glücklich, dass der Erfolg des Konzerts irgendwie sein Dasein verschönern konnte.

            Zum größten Bedauern ging unser schöpferisches Zusammensein, das mir (und ich darf hoffen, uns beiden) so viele gemeinsame spannende Momente bereitete (hier sind Dialoge, Gedanken und das Entstehen neuer Ideen zu erwähnen), die zu spürbaren Resultaten führten, so unerwartet zu Ende, wie sie begonnen hatte.

            Serjoscha unterrichtete zwar nicht Komposition auf einer Hochschule, trotzdem war er ein geborener Pädagoge, ja noch mehr, ich möchte sagen, er war ein Lehrer, der an der Spitze einer ganzen Denkschule stehen konnte. Das Interesse vieler junger Komponisten aus verschiedenen Städten an seinen Meisterklassen im Künstlerhaus in Iwanowo war dafür eine Bestätigung. Er hatte die weite Gedanken-welt eines Professors und lieferte eine Fülle von Assoziationen; er fühlte sich als Anführer und, wahrscheinlich, sogar als Messias.

            Was das Bajanwerk betrifft, so ist sein Beitrag zu unserem Repertoire gewaltig, auch in quantitativer Hinsicht, aber vor allem entstanden ein neuer Kreis von Bildern sowie eine uns bis jetzt unbekannte Sprache. Über seine unkonventionelle Vision des Bajans äußerte sich Berinskij sehr interessant im Interview für die Zeitung „Narodnik“ (1997, Nr. 3), wo er davon spricht, dass         „das Bajan ein Instrument „von einem anderen Stern“ ist. Es hat eine uns ferne, ja kosmische Klangfarbe, aber dafür einen sehr lebendigen Atem: gleichsam ein Wesen aus einer anderen Welt. Über das Bajan kann man sagen, dass es in seiner Art „Quasimodo“ gleicht, mit einer tragischen Seele, völlig unharmonisch: es hat einen menschlichen Atem, aber eine unmenschliche Stimme. Und dies muss man sowohl als Besonderheit als auch als Wert ansehen.“

            Er schrieb tonale Musik mit modernem Empfinden von Intonation und Rhythmus. Angesichts seines bedeutenden Beitrags zur russischen Kammer- und sinfonischen Musik wurden seine Werke in das Konzert eines der Moskauer Festivals aufgenommen.  Dieses Konzert war „dem Schaffen hervorragender bereits verstorbener Komponisten Russlands gewidmet“ - so war es in der Presse geschrieben, wo drei Namen genannt wurden: Dmitrij Schostakowitsch, Alfred Schnittke und Sergej Berinskij. Durch sein vorzeitiges Ableben blieb ihm die breite Anerkennung in der Gesellschaft versagt, leider auch auf internationalem Gebiet. Dafür müsste ein Künstler in der heutigen Zeit lange leben, besonders in Russland. Es besteht aber die Gewissheit, dass sein Schaffen in der Zukunft den ihm gebührenden Platz in der Musikkultur einnehmen wird. Sein ständiger Umgang mit bekannten Musikern (Dirigenten, Ensemblemitgliedern und Solisten) wird Garant dafür sein. Abschließend möchte ich einen der Aforismen Sergej Berinskij's zitieren, ein elastischer Gedanke, der mit der gleichen Kraft pulsiert wie seine ganze Musik:

„Musikwerke sind im Grunde genommen der Versuch, seine Lebensenergie in der wunderschönen Form des freien Lebensstroms zu verewigen“.

Bajanwerke von Sergej Berinskij

  1990 – „Also sprach Zarathustra“ – Partita für Bajan in 4 Teilen. Gesamtspielzeit 14:51. Uraufführung 1991 in Brüssel (Belgien, Konzertsaal „Botanik“, Friedrich Lips),

Aufnahme auf „Also sprach Zarathustra“, LIPS CD 006, Österreich und „Also sprach Zarathustra“ – 000 „Ostwind“, Moskau, Friedrich Lips, Bajan. Herausgegeben im Verlag „Muzyka“ im Band 3 „Das 20. Jahrhundert den Bajanisten des 21. Jahrhunderts“, Moskau, 2000 und bei „Karthause-Schmülling“, Deutschland.

1990 – „Il dolce dolore“ – für Violoncello und Bajan. Gesamtspielzeit 10:27

Uraufführung 1991 im Konzertsaal der Russischen Gnessin-Musikakademie (Vladimir Toncha, Violoncello; Friedrich Lips, Bajan). Aufnahme auf „River of Love“, LIPS CD 011, Österreich und „River of Love“ – „000 Ostwind“, Moskau. Interpreten Vladimir Toncha und Friedrich Lips. Manuskript.

1992 – „Sempre maiore! (quasi Raga)“  für Oboe und Bajan. Gesamtspielzeit 7:00.  Uraufführung 2.4.1997 in Wien (Alfred Hartel, Oboe; Heinrich Biegenzahn, Akkordeon). Herausgegeben vom Augemus-Musikverlag, Bochum (Deutschland), 2001.

1992 – „Drei Stücke in „mauvais“ Stil“  für Bajan. Gesamtspielzeit  14:50. Uraufführung 1993 in Moskau (Konzertsaal des Staatlichen Glinka-Musikmuseums). Aufnahme auf „Schneefal bei Nacht“, LIPS CD 008, Österreich und „Schneefall bei Nacht“ – 000 „Ostwind“, Moskau, Interpret Friedrich Lips, Manuskript

1993 – Sinfonie Nr 3 für Bajan und großes Sinfonieorchester „ ... und der Himmel verfinsterte sich“ (Apokalypse, Kapitel 6). Gesamtspielzeit 21:30  Uraufführung 1996 im Konzertsaal der Filharmonie von Jekaterinburg und im Großen Saal des Tschaikowski-Konservatoriums in Moskau (Ural-Sinfonieorchester, Dirigent Dmitrij Liss, Solist Friedrich Lips) Aufnahme auf „Apokalypse“, LIPS CD 009, Österreich, Interpreten: Ural-Sinfonieorchester, Dirigent Dmitrij Liss, Solist Friedrich Lips. Herausgegeben im Verlag „Kompositor“, Moskau, 2001.  

1993 – „Miserere“ für Sopran, Bajan und Klavier. Gesamtspielzeit  8:37  Uraufführung 1994 im Konzertsaal der Russischen Gnessin Musikakademie (Tatjana Kuindschi, Sopran; Friedrich Lips, Bajan; Svjatoslav Lips, Klavier). Aufnahme auf „Miserere“, LIPS CD 014, Österreich und „Miserere“ – 000 „Ostwind“, Moskau, Manuskript.

1996 – „Meereslandschaft“ – Gedicht für Violine und Bajan. Gesamtspielzeit  14:00

Uraufführung in Portogruaro, Italien (Julia Berinskaja, Violine; Friedrich Lips, Bajan). Aufnahme auf „River of Love“, LIPS CD 011, Österreich und „River of Love“ – 000 „Ostwind“, Moskau. Herausgegeben im Verlag „Muzyka“ im Band 7 „Das 20. Jahrhundert den Bajanisten des 21. Jahrhunderts“, Moskau, 2004.

1996 – „Lichtwellen“ für zwei Bajans. Gesamtspielzeit  7:00. Uraufführung 1997 im Konzertsaal des Konservatoriums Groningen, Niederlande (Interpreten Mini Dekkers und Friedrich Lips). Manuskript.

1997 – „Cinema“ für Bajan. Gesamtspielzeit  8:06  Uraufführung durch Friedrich Lips 1997 im Konzertsaal der Russischen Gnessin Musikakademie. Aufnahme auf „Cinema“, LIPS CD 012, Österreich und „Cinema“ – 000 „Ostwind“, Moskau. Herausgegeben im Verlag „Muzyka“ im Band 6 „Das 20. Jahrhundert den Bajanisten des 21. Jahrhunderts“, Moskau, 2003.

  Letztes Update der angezeigten Seite: 30.April 2009, 22:07 

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