Friedrich Lips

Sie sind nicht bei accordion-cd.co.at eingeloggt. (Login)
Deutsch / German
   

    
  

 Navigation
HOME

Biografie
Interview
Artikel

Diskografie

Repertoire
Programme
Uraufführungen
Methodische Werke

Fotogallerie
Pressespiegel

Gästebuch

Termine
Links
Kontakt

 Freunde,
 Sponsoren,
 Links




 Montag, 20.November 2017 08:43 
Friedrich Lips

Friedrich Lips

Alexander Cholminow (*1925)

(zu seinem 80. Geburtstag)

 

            Es war eine erstaunliche Tatsache: Alexander Nikolajewitsch Cholminow gehörte zu den brillantesten und meist geschätzten Komponisten in der Bajanwelt, obwohl er praktisch nur ein Werk geschrieben hatte - die berühmte Suite für Bajan. Diese bereits im Jahre 1951 geschaffene Suite ist zu einem festen Bestandteil unseres Repertoires geworden, und schon einige Generationen von Studenten und Konzertsolisten haben sie in ihr Programm aufgenommen.

            Und nun, nach fast einem halben Jahrhundert, nachdem er sich als einer der hervorragendsten Komponisten Russlands in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf dem Gebiet der Oper, der symphonischen und Kammermusik prächtig in Szene gesetzt hatte, schuf Cholminow im Jahre 1998 die Konzertsymphonie für Bajan. Wie ist dieses Werk entstanden?

            ...Im Frühling 1996 kam ich einmal zufällig zu S.M. Kolobkow, Rektor der Russischen Gnessin-Musikakademie, ins Büro. Bei ihm saß ein älterer weißhaariger Mann mittlerer Größe. Kolobkow stellte uns gegenseitig vor: "Darf ich vorstellen: Alexander Nikolajewitsch Cholminow ... Friedrich Lips". Ich war so überrascht, dass ich kaum ein Wort hervor brachte. Ich spielte seine Suite für Bajan, vom 26jährigen Cholminow bereits im Jahre 1951 geschrieben, beim internationalen Wettbewerb in Klingenthal im Jahre 1969 und zählte ihn in der Folge zu den besten Bajankomponisten in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Aber seitdem hat Alexander Nikolajewitsch sehr aktiv auf dem Gebiet der Oper, der symphonischen und Chormusik gearbeitet (insbesondere wurde eine ganze Reihe von Opern  im Bolschoj und Kammer-Theater in Moskau, aber auch im Ausland aufgeführt), und er erlangte internationale Anerkennung. Eines Tages ist er aus dem Blickfeld der Bajanisten verschwunden und Teil der musikalischen Elite unseres Landes geworden. Und ich sitze jetzt neben dieser klassischen lebenden Legende! Wortkarg, geistig voll auf der Höhe, machte er den Eindruck eines höchst intelligenten, bescheidenen Menschen, an dem die Zeit  scheinbar spurlos vorbei gegangen ist. Meine Frage war selbstverständlich, warum er nach der Suite nichts mehr für Bajan geschrieben hat: es wäre doch fein, würde er den Bajanisten wieder etwas schenken, um so einen originellen Bogen vom Jahr 1951 bis in unsere Tage zu spannen. Natürlich bin ich jederzeit bereit, ihn mit den neuen Möglichkeiten des modernen Melodiebass-Bajans vertraut zu machen. Es zeigte sich, dass Alexander Nikolajewitsch über die zeitgenössische Bajankunst hervorragend informiert war:

"Sie haben jetzt ein völlig anderes Instrument als früher. Ich kenne Sie sehr gut als Künstler, ich kenne Kasakow, Wostrelow, Skljarow, Semjonow, und ich kannte Anatolij Surkow näher. Eine Suite schrieb ich vor langer Zeit, aber jetzt muss man für Sie etwas völlig anderes schreiben. Das Instrument hat sich verändert, die künstlerischen Fähigkeiten haben sich sehr entwickelt."

            Wir vereinbarten ein Treffen, bei dem ich ihm eine Aufstellung der Bezeichnungen der Möglichkeiten des Instruments sowie eine CD mit "De profundis" von S.Gubaidulina übergab. "Ich möche Sie live hören, laden Sie mich zu einem Konzert ein!", bat Cholminow. Mein nächstes Solokonzert fand im Dezember im Rahmen des Festivals "Bajan und Bajanisten" statt. Am Programm stand Musik für Bajan von Komponisten des 20. Jahrhunderts: Schnittke, Berinskij, Derbenko, Precz, Ganzer, Takahashi, Piazzolla, u.a. Alexander Nikolajewitsch kam mit seiner Gattin. Nach dem Konzert machte er mir eine Reihe von Komplimenten. Beim anschließenden Bankett waren unsere Pädagogen einfach fassungslos: Cholminow kam zum Konzert!

            In der Folge telefonierten wir wiederholt miteinander, aber Alexander Nikolajewitsch zählte nicht zu jenen, die sich unter Druck setzen lassen und in aller Eile irgendetwas schreiben. "Verstehen Sie, für Sie muss man etwas Großes mit tiefem Inhalt schreiben. Ich muss denken."

            Es verging fast ein Jahr. Am 16. November 1997 gab ich im Konzertsaal der Gnessin-Musikakademie ein Solokonzert mit Werken von Sergej Berinskij. Cholminow kam wieder mit seiner Gattin Valerija Iwanowna. Der Saal war übervoll und, ungeachtet des monografischen Programms, wurde das Konzert zu einem großen Erfolg. Und erneut unterhielten wir uns fast ein ganzes Jahr lang ausschließlich am Telefon. Ich begann sogar schon jede Hoffnung auf zu geben, zumal er nicht einmal von sich hören ließ, dass er ein Werk für Bajan in Angriff genommen hatte. Aber plötzlich läutete Ende September 1998 das Telefon, was mich im Grunde meiner Seele berührte: "Friedrich, sie feiern am 18.November ein Jubiläum - den 50. Geburtstag. Ich habe Ihnen ein Geschenk vor bereitet. Ich möchte es Ihnen zu einer für Sie angenehmen Zeit zeigen."

            Wir trafen uns in der Akademie und setzten uns im Kleinen Saal an das Klavier. Alexander Nikolajewitsch legte die Noten auf: "Konzertsymphonie für Bajan". Über dem Titel die Widmung: für Friedrich Lips. Das Werk ist einsätzig, beginnt pianissimo (ppp) und endet fortissimo (fff). Cholminow spielte mir die ganze Symphonie im langsamen Tempo vor. Selbst in dieser Interpretation des Komponisten wurde ich von den ersten Takten an mit der Klangwelt des Autors vertraut, spürte die außergewöhnliche Tiefe und die Größe des Gedankens, den klaren thematischen Beginn in Verbindung mit seiner großartigen Meisterschaft, die sich sowohl in der durchgehenden Entwicklung des Materials als auch in der gleichzeitig klar modellierten Architektonik der ganzen Komposition zeigte. Mit einem Wort, für mich war es absolut klar, dass das Bajanrepertoire durch ein schönes und in vielfacher Hinsicht innovatives Werk des hervorragenden russischen Komponisten Alexander Cholminow bereichert wurde, dessen Meisterschaft unter dem Einfluss der großen Musik von Mussorgskij, Rimskij-Korsakow und Mjaskowskij entstanden war. Der gewaltige riesengroße Geist zeigte sich mehrmals durch die sich wiederholenden Glocken, die in der russischen Mentalität und in der Geschichte Russlands schon immer eine große Rolle spielten. Im Verlauf der ganzen Vorführung durch den Komponisten bildete sich in mir ein wesentliches Empfinden von dieser Musik: "Hier spürt man den russischen Geist, den Duft des alten Russland!"

            Während der Arbeit an der Konzertsymphonie erinnerte ich mich nicht nur einmal an den Gedanken des bekannten Professors des St.Petersburger Konservatoriums Leopold Auer, dass "... die Sonaten und Partiten Bach's, zum Unterschied von jenen Corelli's und Tartini's, nicht unmittelbar aus der Geige selbst entstanden sind. Sie waren nicht ihr direktes Kind, sondern erwiesen sich als Frucht einer reinen Eingebung, eines großen künstlerischen Gedankens. Manchmal wird in ihnen nicht ausreichend auf die begrenzten Möglichkeiten des Instruments Bedacht genommen, und deshalb verlangen sie vom Geiger nicht selten die Lösung komplizierter technischer Probleme"1).

            Indem er sich auf den weiten Atem einer russischen Melodie stützte, konzipierte Cholminow seine Konzertsymphonie offensichtlich für ein Orchester. Ganz unverkennbar könnte dieses groß angelegte Gemälde eine symphonische Partitur sein (wie auch die berühmte Chaconne von J.S. Bach aus der Partita Nr 2 für Violine), jedoch plazierte Alexander Nikolajewitsch seine mächtige und leidenschaftliche Äußerung in den Rahmen der künstlerischen Möglichkeiten des modernen Bajans. Die Interpretation der Konzertsymphonie erfordert gewaltige Energie und emotionale Hingabe. Es handelt sich um eine riesige Freske, wo man im Bereich vom feinsten pianissimo bis zum fortissimo gleichsam die bedeutendsten Abschnitte des Lebens durchleben muss - übrigens nicht nur der Künstler, sondern auch die Zuhörer.

            Wie waren die Reaktionen auf die Konzertsymphonie? Sie wurde begeistert aufgenommen, aber es schien mir, dass das eher auf die Verehrung der Legende zurück zu führen war. Viele sahen Cholminow erstmals mit eigenen Augen. Wie mir Alexander Nikolajewitsch erzählte, fragte ihn ein bekannter Bajanist nach dem Konzert vorwurfsvoll: "Aber warum hast Du denn das für Lips geschrieben, wo ich Dich doch so sehr gebeten hatte und Du hast mir nichts geschrieben?" Die Reaktion einiger anderer Musiker schmerzte ihn, die etwas in der Art sagten: aber wozu schreiben Sie denn so etwas? Die Äußerungen waren alles in allem verhalten zustimmend, was für mich absolut verständlich war: die überwältigende Mehrheit der Bajanisten erwartete Musik im Stil der gut bekannten Suite aus dem Jahre 1951 zu hören, so eine Art "neue Cholminow-Suite". Aber im vergangenen halben Jahrhundert veränderte sich doch alles: das Instrument selbst, die Interpretationskunst, und, was am wichtigsten war, der Komponist, dessen Wurzeln in der großen musikalischen Kultur der Vergangenheit zu finden sind, und dessen erneuerte musikalische Sprache sich mächtig im Weltempfinden des Menschen der neuen Zeit widerspiegelte und sich auf höherer Stufe würdig in die moderne Epoche einfügte. Was würde uns daran hindern, uns manchmal an den bekannten Satz aus der Klassik zu erinnern: "Aber bitte, liebe Kollegen, in welcher Zeit leben wir denn heute?"

            Im Laufe des Jahres wiederholte ich die Konzertsymphonie in zwei Moskauer Konzerten, und die Reaktion war schon viel wohlwollender. Es war mir klar, dass ich mich in das Werk gründlicher einspielte, indem ich es einige Male auf Gastspielreisen interpretierte, aber am wichtigsten schien es mir, dass das Publikum schon wusste, was es zu erwarten hatte. Außerdem, je öfter man ein kompliziertes Werk hört, umso verständlicher wird es. Das ist ein Grundsatz.

            Ich danke dem Schicksal dafür, dass es mir die Möglichkeit der Bekanntschaft und des schöpferischen Kontakts mit einem der größten Komponisten Russlands des 20. Jahrhunderts gab, einem edlen Mensch in der Musik, ungewöhnlich wohlwollend und doch scheu im Umgang mit Menschen - Alexander Nikolajewitsch Cholminow.

1) L. Auer, Meine Schule des Geigenspiels, Moskau, 1965, S. 142 

 

  Letztes Update der angezeigten Seite: 30.April 2009, 22:07 

 Aktuelle CDs:

UNDER THE SIGN OF SCORPIO


JETZT ERHÄLTLICH!

LIPS CONCERTO


JETZT ERHÄLTLICH!

NIGHT FLOWERS


JETZT ERHÄLTLICH!