Friedrich Lips

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 Freitag, 24.November 2017 14:04 

Friedrich LIPS


DIE GESCHICHTE EINES WERKS

(Es scheint, als wäre es gestern gewesen... – 3)


Edison Wasiljewitsch Denisow, einer der bedeutendsten russischen Komponisten der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts hielt viele Jahre einen Kurs für Instrumentierung und Partiturlesen am Moskauer Konservatorium, und zwar in der mittleren Funktion eines „Alten Lehrers“. Infolge seines Enthusiasmus für avant-gardistische Tendenzen des Westens im eigenen Werk wurde ihm keine eigene Kompositionsklasse „anvertraut“ (die in gewissen Kreisen berühmte Troika – Schnittke, Gubaidulina, Denisow – erlangte keine offizielle Anerkennung). Dennoch belegten viele Kompositionsstudenten gerade die Klasse Denisows, um seine Werke kennen zu lernen und wissbegierig den kritischen Bemerkungen und Wünschen der heimlichen Autorität zu lauschen.

Im Jahre1973 bat Wladislaw Solotarjow Denisow gegen den Sommer hin, seine Dritte Sonate anzuhören. Dieser willigte gerne ein und lud uns beide zu sich nach Hause ein. Er wohnte im Haus der Komponisten Ecke Studentenstraße und Kutusowskij-Prospekt. Der Hausherr, von mittleren Wuchs und mit gewinnendem Lächeln, war sehr freundlich, und ich verstand, dass er mit Solotarjow schon gut bekannt war. Im Laufe unserer Unterhaltung bemerkte ich, dass seine Urteile knapp und präzise formuliert sowie kategorisch waren, somit in der Regel keinen Widerspruch duldeten. Er sprach mit halblauter Stimme, manchmal hastig, dann wieder langsam und etwas nachdenklich. Er nahm mit Vladik auf dem Diwan Platz und ich saß in einiger Entfernung auf dem Sessel. Während der ganzen Vorführung der Sonate betrachtete Denisow aufmerksam die Noten. Danach begann er; seine Eindrücke und Meinungen zu äußern. Ich war beeindruckt von der professionellen Genauigkeit, mit der er das ganze Werk seitenweise analysierte. Ich erinnere mich, dass ihm der erste Satz gefiel, der zweite weniger (es gefiel ihm seine Sonorität), sehr hoch bewertetet er den dritten (fugato), und zum Finale sprach er folgendes wörtlich aus:

  • Vladik, wie können Sie nach der wunderbaren Musik des dritten Satzes so einen Mist schreiben?

Offensichtlich gefiel ihm der bekannte Eklektizismus in der Sonate (Dodekaphonie, Tonalität) nicht. Dennoch war sein abschließendes Resümee unerwartet positiv:

Wissen Sie was? Sie werden nichts ändern. Die Sonate hat eine vollkommene Form und hört sich gut an. Und was zum Beispiel die Fehler in Ihren Werken betrifft, so empfehle ich, auf Rat von Dimitrij Dimitrijewitsch Schostakowitsch, sie in späteren Werken zu korrigieren. Ich rate Ihnen, so zu handeln.

Mit großer Genugtuung hörte ich aus dem Mund des Meisters schmeichelhafte Worte aufrichtiger Bewunderung hinsichtlich der Möglichkeiten des Bajans.

Zum Abschied gab er mir seine Telefonnummer und sprach den Satz, der im Laufe der folgenden 20 Jahre zum Leitmotiv unserer Kontakte werden sollte:

  • Rufen Sie mich an! Ich werde Ihnen auf jeden Fall ein Solowerk schreiben!“

In der Folge sahen wir uns ziemlich oft bei Konzerten im Komponistenverband

oder am Konservatorium. Ich bemühte mich, bei seinen Uraufführungen dabei zu sein. Er war seinerseits bei Konzerten, wenn ich Werke Gubaidulinas spielte. Jedes Jahr wagte ich es drei-, viermal, die Nummer seines Telefons zu wählen. Man muss sagen, dass er es verstand, über das Telefon die Atmosphäre eines vertraulichen

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Gesprächs zu erzeugen, indem er das Gefühl vermittelte, auf unser Gespräch bereits gewartet zu haben. Das Gespräch dauerte gewöhnlich ziemlich lange, 15 bis 20 Minuten. Edison Wasiljewitsch erzählte, wo in der Welt und von wem seine Werke aufgeführt wurden und beklagte sich über Zeitmangel. Manchmal lenkte er das Gespräch auf seine Kontakte mit internationalen Künstlern: ein gewisser, sehr bekannter Flötist oder ein Trompeter bittet um ein Werk. „Das Saxophon ist ein sehr interessantes Instrument, ich möchte dafür etwas komponieren. Ein anderes Mal: „Die Gitarre ist ein schwieriges Instrument, aber es wäre interessant, dafür zu schreiben. Er schloss immer mit dem obgenannten Satz: „Für Sie schreibe ich unbedingt!“

Im Frühjahr 1976 spielte ich beim Konzert zum Andenken an Wladislaw Solotarjow die Uraufführung der „Ispaniada“. Bei mir entstand der Eindruck, dass sich einige Stellen (Kadenzen in der zweiten Hälfte des Stücks) zu sehr in die Länge zogen, dass zahlreiche Akkorde in ihrer vollen Länge noch dazu mit Fermaten meiner Ansicht nach die Form zerstörten. Also hätte man Solotarjow um Rat fragen müssen, aber oh weh!... Ich bereitete eine verkürzte Fassung vor, aber bei der Premiere fühlte ich mich verpflichtet, die Originalversion des Autors zu spielen. Als sich die Frage der Publikation stellte, nahm ich mir nicht die Freiheit, meine Fassung zu veröffentlichen, sondern ich beschloss, irgendeinen Komponisten um Rat zu fragen. Die Wahl fiel spontan auf Denisow. Er lud mich sofort in seine Klasse auf das Konservatorium ein. Ich spielte beide Varianten. Edison Wasiljewitsch beseitigte augenblicklich meine Zweifel: „Sie haben vollkommen Recht. Hier gibt es ungerechtfertigte Längen. Verkürzen Sie dort, wo Sie es angedeutet haben!“

Denisow war unter ausländischen Musikern eine große Autorität. Besonders enge schöpferische Kontakte unterhielt er mit französischen Kollegen. Das französische Kulturministerium bestellte wiederholt offiziell bestimmte Werke, insbesondere die Oper „Schaum der Tage“ (franz. «L’écume des jours» von Boris Vian, Anm. Herbert Scheibenreif).

Im Studienjahr 1980/81 kam der junge talentierte Akkordeonist Max Bonnay für das Praktikum in meine Klasse am Staatlichen-Musikpädagogischen Gnessin-Institut. Ich kam auf den Gedanken, über das französische Kulturministerium ein Stück bei Edison Wasiljewitsch zu bestellen, umso mehr als Max bereits derartige Kontakte pflegte. Ich kam mit ihm in die Konservatoriumsklasse Denisows. Ich musste sie nur einander vorstellen, als Edison Wasiljewitsch mit unverkennbarem Vergnügen problemlos in die französische Sprache wechselte, die er frei beherrschte. Dann brachte er uns von der Idee der Bestellung ab, weil er die guten Beziehungen zum Ministerium nicht missbrauchen wollte: „Friedrich, ich schreibe für Sie ohne Bestellung, da begleiche ich nur eine alte Schuld.“

Am 1. April 1987 wurde im Konzertsaal des Gnessin-Instituts ein humoristisches Konzert organisiert. Bekannte Instrumentalisten und Komponisten machten Witze auf der Bühne. Ich erinnere mich, der Organist O. Jantschenko leerte mit jemandem auf einen Zug eine Wodkaflasche auf der Bühne, verzehrte Kohl aus einem Teller, und dann kletterte einer von ihnen aus irgendeinem Grund eine Leiter hinauf (das war das „Opus“ von Dimitrij Smirnow, eines Schülers von Denisow, der später zusammen mit seiner Frau E. Smirnowa, ebenfalls Komponistin, nach England emigrierte). Speziell für dieses Konzert schrieb E. Denisow eine Fantasie über Themen sowjetischer Lieder aus den 30er Jahren „Der Dampfer fährt am Hafen vorbei“ für Bajan und ein Ensemble von Schlaginstrumenten unter der Leitung von Mark Pekarski. Im Stück kamen auch noch ein Klavier und eine Gruppe von


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Pionieren vor, die auf der Bühne nach der Musik verschiedene sportliche Figuren wie Pyramiden ausführten, die zu dieser Zeit sehr in Mode waren. Dieses Werk dauerte 10 Minuten und war ausschließlich tonal geschrieben, mit feinem Humor und raffinierter Kompositionstechnik. Die Aufführung war ein voller Erfolg, und nach dem Konzert wiederholte Edison Wasiljewitsch mehrmals, gleichsam um sich zu rechtfertigen: „Friedrich, das ist nicht das, was ich Ihnen versprochen habe. Ich schreibe für Sie unbedingt ein Solowerk.“

Die Jahre vergingen... Weitere temporäre Treffen und Telefongespräche bewegten in der Sache nichts. Und plötzlich, eines Tages im Sommer 1994 öffne ich die Zeitung „Iswestija“, die ich seit vielen Jahren abonniert habe, und lese eine Meldung, dass Edison Denisow auf der Minsk-Chaussee, Bezirk Kubiniki, am Steuer seines eigenen Wagens einen Unfall hatte, als er vom Sommerhaus für Komponisten in Rusa zu einer Probe des Symphonieorchesters fuhr, das für eine Konzertreise nach Japan Werke des Komponisten vorbereitete. Mein erstes Gefühl war Schock: Edison Wasiljewitsch in ernster Lebensgefahr. Die Zeitung tat in dieser Situation ihr Möglichstes. Im Laufe einiger Ausgaben ließ sich die Entwicklung der Lage verfolgen. Einmal las ich, dass sich der Zustands Denisows stabilisiert hatte, aber von einer wirklichen Besserung konnte man nicht sprechen. Französische Freunde des Komponisten vereinbarten die Überweisung Denisows in ein Militärspital nahe Paris und organisierten für ihn einen Sonderflug. Nach einiger Zeit lese ich in der „Iswestija“ einen Artikel ihres französischen Korrespondenten, dass sich die Gesundheit Denisows langsam im Zustand der Besserung befindet und er bereit ist, mit der Arbeit an einem kleinen Kammermusikwerk zu beginnen. Da kam mir ein Einfall.

Ich rufe Max in Paris an:

  • Max, weißt Du, was Denisow zugestoßen ist?

  • Nein, ich weiß es nicht.

  • Mach dringend das Militärspital ausfindig, wo er sich in Behandlung befindet, nimm mit ihm wegen der Bestellung des Werks für Bajan Kontakt auf und setz Dich in dieser Angelegenheit mit dem französischen Kulturministerium in Verbindung,.


Bonnay tat sein Möglichstes. Er unternahm alles, um diese Idee in die Tat umsetzen, und er machte alles bestens. Ich wandte mich meinerseits über Max

in einem Brief an Denisow. Ich halte es für notwendig, die Antwort von Edison Wasiljewitsch (mit nur kleinen Anmerkungen) sowie auch andere Briefe an mich vollständig zu veröffentlichen, weil sie von großem Interesse für das epistolarische Erbe einer einzigartigen Persönlichkeit sind.


Erster Brief


Paris, 4. März 1995

Lieber Friedrich! Ich war sehr erfreut über Ihren Brief aus Spanien. Ich begann im November ein wenig zu komponieren und jetzt kann ich fast wie früher arbeiten. Ich wollte unbedingt ein Werk für Bajan im Jänner/Februar schreiben, aber dann verschob ich diese Idee aus einem albernen und seltsamen Grund – mir ging das Notenpapier aus, und während ich wartete, bis meine Freunde mir welches kauften,

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reklamierte J. Ljubimow (Regisseur des bekannten Taganka-Theaters) sehr lebhaft Musik zu „Medea“. Ich beschloss, mich für eineinhalb Monate ganz dieser Arbeit zuzuwenden, eine Zeit, die ich nie hatte. Ich schrieb Musik maximal 10 Tage lang (manchmal auch nur 5 Tage). Und jetzt begann ich ein Werk für 16 Blechblas-instrumente (für Frankfurt). Es handelt sich um eine weit zurückliegende Bestellung (1990) und die geplante Premiere wurde schon dreimal abgesagt. Ich bin vorläufig noch im Spital, aber in einer Woche werde ich entlassen. Dreimal pro Woche werde ich dorthin zur Kontrolle zurückkehren. Wir haben jetzt eine Wohnung in Paris (ich weiß nicht, wie lange wir dort bleiben, aber einstweilen kann ich noch nicht an eine Rückkehr nach Moskau denken, weil mich die Ärzte im Moment nicht entlassen). Nach dem 20.3. werde ich wieder ständig zu Hause sein.

Die Krücken habe ich schon zur Seite gelegt und ich gehe mit dem Stock. Der Fuß schmerzt noch (besonders in der Nacht) und ich hinke ziemlich stark. Aber die Ärzte lassen wissen, dass ich mich im Zustand der Besserung befinde. Vorläufig schließen sie nicht die Möglichkeit zweier weiterer Operationen aus (Knie und Oberschenkel), aber ich möchte das vermeiden. Ich hatte schon vier Operationen, und das ist schon zu viel... Das Wetter in Paris ist widrig – im Moment fällt nasser Schnee. Sonne sehen wir fast keine, und es ist die meiste Zeit kalt. Im Jänner beendete ich ein ziemlich langes Konzert für Flöte und Harfe, und jetzt schreibe ich mit großem Fleiß dieses Werk für Blechblasinstrumente. Ich arbeitete noch nie mit einer derartigen Besetzung (2 Kleine Trompeten, 2 Trompeten, 2 Flügelhörner,

4 Waldhörner, 3 Posaunen, Dudonium und 2 Tuben) Da all meine jüngste Musik still und zart ist, werde ich die Ästhetik ändern müssen.

Max vermittelte mir grundlegende Kenntnisse über den Bajan, aber das reicht mir noch nicht.

Es ist schade, dass Katja (Denisows Gattin, Anm. F. Lips) Ihre Grundlagen in Moskau vergaß – sie waren ausgezeichnet. * Da ich irgendwann doch ein Stück für Bajan schreibe, sind sie für mich sehr wichtig.


Mit den besten Grüßen

Ihr ewiger „Schuldner“

Denisow


Natürlich schickte ich an die angegebene Adresse sofort meine Zusammen-fassung über die Möglichkeiten des Bajans, worum Denisow gebeten hatte.

Im September 1995 erhalte ich von ihm den zweiten Brief, aus dem hervorgeht, dass das Werk bereits geschrieben ist.




* Vor vielen Jahren beschrieb ich auf zwei Blättern beidseitig kurz die Möglichkeiten des Bajans, wobei ich die grundlegenden Fakten und auch die Komponisten aufzählte, mit denen man zusammenarbeiten muss, und gab sie zur Einsichtnahme weiter.






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Zweiter Brief


La Napoule, 27. April 1995


Lieber Friedrich! Ich war im Juli (und am 11. August) in Moskau, wo ich versuchte Sie anzurufen, konnte Sie aber nicht erreichen. Endlich erfüllte ich meine langjährige Pflicht und schrieb ein Stück für Sie. Ich muss Ihnen sofort sagen, dass das für mich sehr interessant war. Das Stück ist nicht schnell und ausschließlich polyphon. Sein Titel ist „Von der Dämmerung zum Licht“. Es dauert meiner Meinung nach 10 bis 12 Minuten. Ich ließ ein Exemplar für Sie bei meinem Sohn Mitja, der Sie bis jetzt ebenfalls noch nicht telefonisch erreichen konnte.

Ich traf mich einmal mit Max Bonnay in Paris, wir arbeiteten zusammen etwa eineinhalb Stunden. Er sagte, es wäre unnötig etwas zu ändern: alles wäre so ausführbar. Es ist für mich natürlich sehr wichtig, Ihre Meinung zu kennen. Ich

unterschrieb einen Vertrag über die Publikation mit dem sehr angesehenen französischen Verlag „Leduc“, wo das Werk herausgegeben werden soll. Hinsichtlich der Frage der Uraufführung sprechen Sie bitte mit Max selbst. *

Ich war mit Katja und den Mädchen einen Monat in der Nähe von Jekaterinburg, im Dorf Tscherdanzewo bei den Eltern von Katja. Im Sommer war es sehr heiß im Ural. Am 11. August kehrten wir nach Paris zurück, und am 14. August fuhren wir für 3 Wochen ans Meer. Wir wurden ins Schloss La Napoule eingeladen, das 6 km von Cannes entfernt am Meer steht. Dort ist es sehr schön, aber auch unerträglich heiß. Ich hatte eine dringende Arbeit: ich musste die Oper „Lazarus“ von Franz Schubert beenden (Aufführung am 21.1.1996). Es ist immer schwieriger, an einer fremden Musik zu arbeiten als an seiner eigenen. Die Lebensumstände sind hier ausgezeichnet: wir haben zwei große Einzelzimmer (natürlich mit Bad und Toilette) und das Essen ist fast „gratis“ (125 ffr pro Tag für 4 Personen). Ich fühle mich nur nicht allzu gut – diese Katastrophe erschütterte mich endgültig, und ich bin nicht einmal sicher, ob Katja richtig handelte, mich aus dem Grab wieder hervorzuholen. Ich bin überhaupt nicht gewohnt, mich krank zu fühlen.

Ich war sehr bewegt, Sie im Konzert im Tschaikowskij-Saal zu sehen **. Sie spielten alles sehr gut, ausgenommen Schubert (man muss das bereits in der Generalprobe üben). In mir entstand jetzt der Wunsch – ich glaube, das ist normal – noch etwas für Bajan zu schreiben. Es ist ein gutes Instrument und noch fast völlig unerforscht. Deshalb habe ich den Wunsch, eine Sonate für Saxophon und Bajan zu schreiben. Ich muss mir nur über meine endlosen musikalischen „Pflichten“ klar werden und Zeit dafür finden.

Wie immer, Ihr Denisow


* Über die Frage der Uraufführung des Werkes war ich mir mit Max schnell einig: ich schlug zwei Uraufführungen beim Internationalen Moskauer Festival „Bajan und Bajanisten“ im Dezember 1996 vor, die wir auch jeder in seinem Konzert realisierten.


** Ich saß mit meiner Frau gerade beim Durchgang im Parkett des Tschaikowskij- Saals, und als Denisow nach der Premiere seines Werks zum Verbeugen auf die Bühne ging, bemerkte er mich auf dem Rückweg und schritt vor den Augen des ganzen Saals zu mir und umarmte mich. Natürlich war ich selbst überaus gerührt.


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Bald darauf befand sich das Manuskript bei mir. In meinem Herzen empfand ich stillen Triumph und Freude: endlich, nach so vielen Jahren des Wartens! Und Stolz auf das Bajan: wenn wir im Gepäck Musik von Komponisten solchen Rangs haben, dann werden wir tatsächlich ein echter Bestandteil der ganzen musik-akademischen Kultur.

Die Handschrift Denisows ist gleichmäig, klein, aber deutlich. Sie liest sich nicht so schwer wegen der zeitgenössischen Musik, sondern wegen der Rhythmen! ... Jeder Takt hat seine rhythmischen Schwierigkeiten. Einige Takte mussten buchstäblich dechiffriert werden: wie in dem Gleichnis über den Tausendfüßler: was macht der 27. Fuß, wenn gerade der 18. angehoben ist? Ich erinnerte mich des öfteren daran, dass Denisow vor dem Konservatorium die mechanisch-mathemati-sche Fakultät der Staatlichen Universität Tomsk absolvierte. Seine Denkweise kam auch in seinem musikalischen Schaffen zur Geltung. Die langsame Entwicklung des Stücks basiert auf den Nuancen piano und pianissimo. Als ich es später in Konzerten spielte, wollte ich immer aus irgendeinem Grund das Bild eines still erstrahlenden Lichts schaffen (Dass seine Musik gleichsam Licht ausstrahlt, ist nicht nur mein Eindruck. Nach seinem Tod führten Musikwissenschafter diesen Gedanken in Publikationen mehrmals aus). Übrigens, in der Wortverbindung „Edison Denisow“ befindet sich der Buchstabe „s“ in beiden Wörtern im Zentrum – und damit beginnt auch das Wort „swjet“ („Licht“ im Russischen – Anm. Herbert Scheibenreif).

In seinen Werken verwendet Denisow Monogramme aus den Noten „e“, „d“, „es“ – EDISON DENISOW. Das Werk für Bajan „Von der Dämmerung zum Licht“ ist ebenfalls auf diesen Sekundenschritten gebaut. Als ich das Werk näher kennen-lernte, entdeckte ich meiner Ansicht nach einige rhythmischen Ungenauigkeiten bei der Niederschrift des Manuskripts. Sofort schrieb ich darüber Edison Wasiljewitsch und schlug ihm einige Korrekturen vor. Aus seiner Antwort kann man den Schluss ziehen, dass er mit einigen einverstanden war, mit anderen aber nicht.


Dritter Brief


Paris, 26. November 1995


Lieber Friedrich! Gestern erhielt ich Ihren Brief und ich bin sehr froh, dass Ihnen das Stück gefällt. Als ich es fertiggestellt hatte, entstand in mir irgendwie der Wunsch, noch etwas für Bajan zu schreiben. Ich hoffe, dass es diesmal schneller gehen wird. Aber die Sonate für Saxophon und Bajan schreibe ich auf jeden Fall. Sie können sie mit Aljoscha Wolkow spielen. Er ist zur Zeit der beste Saxophonist in Russland. Sie müssen ihn kennen, weil er das Gnessin-Institut absolviert hat.

Ich erinnere mich auch sehr gerne an Ihren Besuch mit Wladislaw Solotarjow bei mir. Es ist schade, dass sein Laben so früh und tragisch endete: er war sehr begabt und ein guter Mensch. Es war keinesfalls notwendig für ihn, bei Chrennikow zu studieren.

Was die Uraufführung meines Stücks betrifft, entscheiden Sie bitte selbst. Spielen Sie beim „Herbst“ (Festival „Moskauer Herbst“, Anm. Friedrich Lips), werde ich froh sein. Nach der Herausgabe bei „Leduc“ (die Arbeit daran hat schon begonnen) kann es, ohne jemanden zu fragen, auch in Russland verlegt werden. In anderen Ländern ist dies nur in Übereinkunft mit „Leduc“ möglich. Es ist im Grunde so, dass ich die Rechte für alle Länder – ausgenommen Russland - an „Leduc“ gegeben habe (das ist einer der Punkte aus meinem Vertrag mit diesem Verlag).

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Danke für die Registrierung: das ist sehr wichtig, denke ich, für die Herausgabe. Ich reiche sie an „Leduc“ weiter. Und auch danke, dass Sie einige Fehler bemerkten, besonders an rhythmisch schwierigen Stellen.

Aber einige Korrekturen waren falsch, zum Beispiel: (die Meinungsverschiedenheit über einige rhythmische Schwierigkeiten geht weiter mit Notenbeispielen, Anm. Friedrich Lips).

Alle diese nicht übereinstimmenden Rhythmen haben nicht „mathematischen“ Charakter, sondern unterstreichen die Freiheit und Unabhängigkeit von polyphonen Linien. In gewisser Hinsicht ist das gleichsam eine „Improvisation“. Leider muss ich jetzt zweimal wöchentlich ins Spital, um mich einer Behandlung zu unterziehen. Deswegen kann ich vorläufig auch nicht verreisen (nach Moskau möchte ich im November kommen). Am 29.2. habe ich ein kleines Konzert im Rachmaninoff-Saal. Ich will nach Moskau kommen, zum Beispiel vom 22. Februar bis zum 2. März und natürlich werde ich glücklich sein, Sie zu treffen.

Nochmals danke ich für die Registrierung und alle Hinweise.


Herzlichst, Ihr Denisow


P.S. Alle Ihre übrigen Korrekturen sind richtig, nur im Takt 16 (linke Hand) muss sein: 5 : 6 (die Quintole belegt 3 Viertel und enthält 5 Einheiten statt 6).

E.D.


Ende Februar flog Edison Wasiljewitsch nach Moskau, wo wir uns in seiner Wohnung trafen, in der er mich seinerzeit mit Solotarjow empfangen hatte, jedoch erklang jetzt Musik Denisows.

- Friedrich, ich bin mit Ihrer Konzeption sehr zufrieden, es gibt fast keine Bemerkungen. Sie spielen anders als Max, aber das ist gut. Es soll verschiedene Interpretationen geben.

Wir sprachen über verschiedene Dinge. Am Ende des Gesprächs sagte er plötzlich, gleichsam beiläufig, dass ich sich schlecht fühlt: „ Die Ärzte fanden, dass in meinem Bauch etwas nicht in Ordnung ist. Ich weiß auch nicht, ob Katja richtig handelte, mich aus dem Jenseits wieder herüberzuholen.“

Wir vereinbarten mit Denisow, dass er im Dezember unbedingt in Moskau sein wird, um bei den beiden Premieren im Rahmen des Festivals „Bajan und Bajanisten“ anwesend zu sein.


Vierter Brief


Paris, 2. April 1996


Lieber Friedrich! Danke für den netten Brief. Ich war sehr froh, Sie in Moskau zu sehen und mit Ihnen zu arbeiten. Das Akkordeon fesselt mich immer mehr (irgendwie „komme ich immer besser in Schwung“) und ich hoffe, für dieses schwierige, aber auch sehr interessante Instrument noch einige Werke zu schreiben. Alles hängt nur von der Zeit ab – im Moment habe ich viel zu viel versprochen... Danke, dass Sie bereits die Weltpremiere meines Stücks planten. Wie lange dauert es? Es wäre sehr interessant für mich zu wissen. Was Sie mir in Moskau vorschlugen (Registrierung, Tempi, Charakter), ist mir sehr recht. Ich machte bei „Leduc“ schon zwei Korrekturen. Die Ausgabe wird sehr schön. Die Partitur wird, denke ich, bereits im Sommer

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herausgegeben ( ich werde Ihnen sofort 10 Exemplare schicken). Dieses Stück kann man ruhig in Moskau verlegen, weil mein Vertrag das Territorium Russlands ausschließt. Aber bei anderen Publikationen (im Westen) ist das ausgeschlossen. Das betrifft alle Werke aller Komponisten.

Max hat mich bis jetzt nicht angerufen oder sonst von sich hören lassen. Wenn er das im Dezember beim Festival spielen wird, wird das meiner Meinung nach interessant sein (zwei verschiedenen Interpretationen). Irgendwie möchte ich jetzt für Bajan eine Art Toccata schreiben. Ich weiß nicht, warum. Ich nahm zur Zeit zu viele Arbeiten an: ich beendete gerade erst die große Partitur der 2. Symphonie (Premiere in Dresden 1. und 2. Juni 1996), nun muss ich dringend noch zwei Werke für Deutschland schreiben: ein Stück für 26 Instrumente für Dresden (Premiere 1. und 2. Oktober 1996) und ein großes Konzert für Flöte und Klarinette mit Orchester für Essen (Premiere 23. Oktober 1996). Danach gibt es eine große Arbeit im Elektronikstudio von Köln (Werk für Sopran, Ensemble und Tonband nach Versen von Paul Ülan, 20 Minuten). Und all das, ohne Meisterklassen in Edinburgh

(20.-28. April) und Paris (1.-10. November) zu rechnen, oder auch im September Arbeit in zwei internationalen Jurien (in einer werde ich Präsident der Jury sein).

Ich will wieder nach Russland zurückkehren, aber vorerst bin ich noch an das Krankenhaus gebunden: ich schreibe Ihnen jetzt auch diesen Brief im Spital. Ich muss einmal in zwei Wochen dorthin zurückkehren (für 3 bis 4 Tage, manchmal mehr). Das zerstört mein ganzes Leben und gibt mir weder die Möglichkeit wie gewohnt zu arbeiten (manchmal kann ich nach der Behandlung 10 Tage lang nicht meinen Normalzustand erreichen) noch normal zu reisen (jede Reise muss ich lange im voraus mit den Ärzten besprechen). Nach Moskau komme ich jetzt irgendwann in der zweiten Maihälfte (um den 18. Mai herum). Sie können das Datum meiner Ankunft immer von meinem Sohn Mitja erfahren.

Wie immer, Ihr Denisow


Wie geplant, fanden im Dezember 1996 im Rahmen des internationalen Festivals „Bajan und Bajanisten“ mit dem Unterschied von nur einem Tag zwei Weltpremieren des Werks für Bajan „Von der Dämmerung zum Licht“ von Edison Denisow in meinem Solokonzert und im Konzert von Max Bonnay statt.

Ungefähr zwei Wochen vor Beginn des Festivals kam jedoch aus Paris die Mitteilung über den Tod des Komponisten. Die Nachricht über das Ableben unseres großen Zeitgenossen wurde über alle Fernsehkanäle und Zeitungen verbreitet. Beigesetzt wurde er auf einem der Pariser Friedhöfe...

Die Jahre vergehen. Die Zeit blättert unerbittlich die Seiten des Lebens durch. Einige von ihnen sind reich an interessantem Inhalt. Ich bin darauf stolz, dass eine dieser Seiten dem schöpferischen und für mich sehr denkwürdigen Kontakt mit einem der bedeutendsten Meister der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewidmet ist – dem Komponisten Edison Wasiljewitsch Denisow.





Die deutsche Übersetzung dieses Artikels stammt von Dr. Herbert Scheibenreif und ist von Friedrich Lips autorisiert.

  Letztes Update der angezeigten Seite: 30.April 2009, 22:07 

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