Friedrich Lips

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 Montag, 20.November 2017 08:44 

Sofia GUBAIDULINA: "Stunde der Seele"


Sofia Gubaidulina wurde am 24. Oktober 1931 in Tschistopol (Tatarische SSR) geboren. 1954 schloss sie ihre Ausbildung am Konservatorium in Kasan in den Fächern Klavier (bei G.M. Kogan) und Komposition (bei A.S. Leman) ab. Bis 1959 folgte ein Kompositionsstudium bei N. Peiko am Moskauer Konservatorium, wo sie 1963 die Aspirantur bei W. Schebalin abschloss. Bei ihrer Abschlussprüfung sagte ihr D. Schostakowitsch: "Ich wünsche Ihnen, Ihren eigenen Weg zu gehen." Seit 1963 lebt Gubaidulina als freischaffende Komponistin in Moskau. Neben Schnittke, Denissow und Silwestrow zählt sie zu den führenden Vertretern der "Neuen Musik" in Russland. Erst nach Beginn der Perestroika wurde ihr die internationale Anerkennung zuteil, die sich u.a. in folgenden Preisen zeigte: Verdiente Künstlerin der Russischen Föderation (1989), Kysebizki-Preis in den USA (1990), Preis des 7. Internationalen Festivals für Komponistinnen in Heidelberg (1992). Festivals zu ihrem 60. Geburtstag wurden in Italien, Japan und Deutschland abgehalten.
Die Musik Sofia Gubaidulinas ist sowohl die Welt des modernen Menschen mit seiner "Vielzahl an Seelen", als auch die Welt immer dünner werdender Gefühle. Für Gubaidulina als glaubenden und auch die außerirdischen Formen der Religion betrachtenden Menschen - nicht nur die christlich-orthodoxe, sondern auch alle beliebigen Naturreligionen dieser Welt - sind die Fragen von Universalität und Ewigkeit sehr wichtig. Und diese Allgegenwärtigkeit, die im Himmel und auf der Erde wohnt, bewirkt die Höhe des Geistes in all ihren Werken. Gleichzeitig ist die Musik Gubaidulinas zutiefst menschlich und wird mit allen Nervenströmen und inneren, unter die Haut gehenden Vibrationen wahrgenommen. Sie ist voll von "Seufzern", "Hauch", "Stöhnen", "Lachen", "Klagen", "Zittern", "Beben" - dem ganzen Spektrum von Zeichen einer tief erlebenden Seele. Diese in ihrer Einheit paradoxen kosmisch-herzlichen Eigenschaften der Musik stellen sich der Komponistin in unerschütterlicher Weise dar: "Es scheint mir, dass sich die Musik nirgendshin entwickelt, sie klingt einfach, wie die Welt und die Seele klingen."
Das sichtbare Wesen ihrer Werke besteht im Kontrast, das unsichtbare - in der Vereinigung. Gubaidulina sagt: "Der Kontrast wurde mir praktisch in die Wiege gelegt. Mein Vater war Tatare und meine Mutter Russin, ich gehörte sofort zu zwei Welten, dem Osten und dem Westen." In ihren Werken kontrastieren sich unermüdlich die Ideen von "Eintracht" und "Zwietracht", "Leben" und "Tod", "Licht" und "Dunkelheit", "Lärm" und "Stille", "gerade" und "ungerade", "hier" und "dort". Und in diesen scheinbar ewigen Gegensätzen wohnt gleichzeitig der Geist des 20. Jahrhunderts, der Epoche der aufs Äußerste gespannten Nerven. Als Gubaidulina einmal gefragt wurde, was ihr in der Unterhaltungsmusik gefällt, antwortete sie: "Edith Piaf, Louis Armstrong, Negerspirituals, alles Tragische." Dem anfänglichen Kontrast zwischen West und Ost überwindet sie auf ihrem Lebensweg bewusst, sodass sich die Synthese der Gedanken dieser Weltregionen wie ein roter Faden durch ihr ganzes Leben zieht. Vom Westen nimmt sie das Prinzip des Dualismus, die Gegenüberstellung von Mensch und Welt, die Spannung von Dramen; vom Osten das Prinzip des Monismus, die Verschmelzung des
¹ Titel eines Werks von Sofia Gubaidulina für Symphonieorchester, Solo-Percussion und Mezzo-Sopran nach einem Vers von Marina Zwetajewa

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Menschen mit der Welt, die Statik der Meditation. Und über allen globalen
Gegenüberstellungen erhebt sich in ihrer Musik die unsichtbare Kraft der rettenden Einigkeit. Die Komponistin sagt: "Ich bin ein religiöser, orthodoxer Mensch und ich verstehe die Religion wörtlich, als re-ligio - die Wiederherstellung des Zusammenhangs, die Wiederherstellung des "legatos" des Lebens. Das Leben teilt den Menschen in verschiedene Teile. Er muss seine Ganzheit wiederherstellen - dies geschieht durch die Religion. Außer der geistigen Restauration gibt es keine ernstere Ursache für ein Musikwerk."
Sofia Gubaidulina wird als russische Komponistin des 20. Jahrhunderts oft mit Marina Zwetajewa und Anna Achmatowa verglichen, den bedeutendsten russischen Schriftstellerinnen dieses Jahrhunderts. "Rundlauf der Seele" - das ist das allgemeine Zeichen ihrer Schicksale. Auf dem Gebiet der Komposition, traditionell sicher keine Domäne der Frauen, kann man Gubaidulina sicher als die bedeutendste aller Frauen bezeichnen, die jemals Musik geschaffen haben. Und angesichts der kreativen Rolle der Frauen im 20. Jahrhundert entstand Gubaidulinas Konzeption. Ihrer Meinung nach gibt es für die schöpferische Befreiung der Frau in diesem Jahrhundert geheime Gründe, die mit esoterischen Seiten des kulturellen Daseins verbunden sind. Erlebt nicht die westeuropäische Kultur, die ihrem Wesen nach eine männliche ist, diesen neuen Moment ihrer Entwicklung, wenn sie eine zusätzliche Vereinigung mit gewissen Eigenschaften suchen kann, die ein gegensätzliches Merkmal haben?
Als Autorin und Schöpferin von Musik hegt Gubaidulina gleichsam die ihr heilige Freiheit: "Es ist unbedingt erforderlich, ein freier Mensch zu sein; davon unabhängig zu sein, ob etwas vorteilhaft ist oder nicht, ist einfach notwendig, um seine Überzeugungen und Begeisterung aufrechtzuerhalten. Freiheit - das ist die Möglichkeit, die jedem von uns wesentlichen Dinge verwirklichen zu können, auf sich selbst zu horchen, darauf, was der Persönlichkeit in der jeweiligen Situation der Geschichte gegeben ist. Wie der Geiger und der Pianist freie Hände haben müssen, um einen guten Klang zu erzielen, so brauchen der Komponist und der Schriftsteller eine völlig freie Seele." Und zur wunderbaren Offenbarung von Sofia Gubaidulina als Komponistin wurde der eindringliche Gedanke ihres Lieblingsphilosophen Nikolai Berdjaew: "Das Werk verlängert den Schaffungsprozess".
In ihrem sehr umfangreichen Opus (Orchesterwerke mit und ohne Soloinstrumente, Soli für Klavier, Vokal- und Kammermusik sowie Filmmusiken) finden sich bereits fünf Werke für und mit Bajan:
"De profundis" für Bajan-Solo (1978) ist Friedrich Lips gewidmet, der das Werk 1980 in Moskau uraufgeführt hat. Es war die erste Zusammenarbeit von Gubaidulina mit Lips, der die Spieltechnik auf seinem Instrument revolutioniert hat. Das Stück wurde von Lips für Bajan eingerichtet und ist in seiner Redaktion publiziert. Der Klang des Bajans, des weitverbreiteten russischen Volksinstruments, wurde von Gubaidulina in "De profundis" fast bis zur Unkenntlichkeit verändert. Das Bajanwerk wurde von ihr nach dem bekannten alttestamentlichen Psalm Nr 129 "Aus Tiefen ruf' ich, Herr, zu Dir" ausgerichtet. Der Inhalt des Psalms hat als musikalisches Programm des Stücks großen Symbolcharakter. Nachdem zuerst das Bild des Leidens des Menschen "in der Tiefe" dargestellt wird, drückt darauf der Choralklang "Hoffnung", "Vertrauen" und "Gnade" aus, und die allgemeine Idee des Aufsteigens wird im Streben des ganzen

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Werks von Tiefe und Dunkelheit in helle und hohe Sphären vermittelt. Die Musik ist voll von scharfen, ausdrucksvollen Klangmomenten: das anfängliche "Zittern" (im freien Rhythmus), das seufzende glissando, das schaudernde Vibrato, scharfe und grelle Cluster, naturalistisch schwere Seufzer mit dem Balg des Bajans. Demgegenüber stehen feierliche Akkorde, ausgeschmückte Figurationen, aber auch eine einstimmige, hymnenhafte Melodie, die den ganzen symbolhaften Weg des Stücks hindurchgeht: "aus den Tiefen" hin zu glänzenden Höhen.
"In croce" (1979) für Violoncello und Orgel ist Vladimir Toncha gewidmet, der das Werk zusammen mit dem Organisten Ruben Abdullin in Kasan zur Uraufführung brachte. Inzwischen gibt es von Gubaidulina autorisierte Fassungen für Bajan anstelle der Orgel von Friedrich Lips und Elsbeth Moser. Bei diesem Werk handelt es sich um eines der für die Entwicklung der Komponistin bedeutendsten, in dem die musikalische Symbolik klar zum Ausdruck kommt. In Zusammenhang mit der Idee, die kurz im Titel angedeutet ist, wird im Werk die Symbolik der Bewegung zweier Instrumente kreuzweise eingespielt. Gleichzeitig haben auch die Register symbolhaften Charakter. Die dramaturgische Idee "In croce" besteht auch darin, dass zuerst eines der Instrumente - Bajan - im hohen und hellen Register spielt, und das andere - Violoncello - im tiefen und dunklen. Im Laufe der Entwicklung des Stücks tauschen beide ihre Funktionen: das Violoncello steigt in hohe Register hinauf, das Bajan fällt in tiefe hinab. Der Punkt ihrer Kreuzung stellt das Symbol des Kreuzes dar. Von den musikalischen Mitteln der anfangs in "In croce" gegenübergestellten Partner erregte der Kontrast in den Harmonien Aufsehen. Im Bajan erklingen trillerförmige, diatonische Figuren und Dur-Dreiklänge, beim Violoncello Chromatik (Halbtöne) und Mikrochromatik (Vierteltöne). Am Ende des Stücks wird die umgedrehte Gegenüberstellung noch durch klanglich sonore Kontraste bereichert: beim Violoncello glänzen still Flageolette im Dur-Dreiklang, beim Bajan verklingt durch das Weglassen der Motorik eine ungeheure Klangfülle.
"Sieben Worte" für Violoncello, Bajan und Streicher (1982) ist ein siebensätziges Werk, das Vladimir Toncha und Friedrich Lips gewidmet ist und von diesen beiden Künstlern 1982 in Moskau unter dem Dirigenten Juri Nikolajewski uraufgeführt wurde. Bei der ersten öffentlichen Aufführung in der damaligen Sowjetunion wurde es "Partita" genannt. Die einzelnen Sätze haben folgende Titel:
1. Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.
2. Weib, siehe, das ist dein Sohn - Siehe, das ist deine Mutter.
3. Wahrlich, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein.
4. Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
5. Mich dürstet.
6. Es ist vollbracht.
7. Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.
Das Werk Gubaidulinas ist als Fortsetzung der Tradition gedacht, ausgehend von den "Sieben Worten" von Schütz und Haydn. Aus dem Werk von Schütz hat die moderne Autorin ein kleines Zitat aus dem Wort "Mich dürstet" entnommen, das als Refrain in den Sätzen I, III und V weitergeführt wird, jedoch ohne stilistischen Kontrast. Die instrumentale Zusammensetzung des Werkes von Gubaidulina und die Spielarten sind auf Symbolik ausgerichtet, die die musikalischen Effekte bis zur theatralischen

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Anschaulichkeit führen: Violoncello - Gott-Sohn, Bajan - Gott-Vater, Streicher - Heiliger Geist. Das glissando, das auf einer Saite ausgeführt wird, durchkreuzt, ja "kreuzigt" gleichsam den Ton der freien Saite. Durch alle sieben Sätze des Zyklus gehen zwei große dramaturgische Linien: das Leiden (Violoncello, Bajan; Chromatik und Mikrochromatik) und die Rettung (Streicher, Diatonik). Der 1. Satz beginnt unmittelbar mit dem Motiv der Kreuzigung bei Violoncello und Bajan. Von den Motiven irdischer Qualen wird der tröstende "Chor" der Streicher völlig isoliert. In den folgenden Sätzen finden sich auf der Linie des Leidens das "Motiv des Kreuzes" und das erstaunlich "schwerfällige Atmen" des Bajans (zu Beginn des 6. Satzes) sowie die von Toncha erfundenen "flackernden Akkorde". Bei der allgemeinen Kulmination am Ende des 6. Satzes stürzt der äußerst angespannte Ton des Violoncellos bis unter den Steg ab. Der 7. und letzte Satz verläuft in hellen, paradiesischen Sphären, wo alle Motive in dem freudigen Bild von Licht und Beben zusammenfließen - alles Leid geduldig ertragend bis zur endgültigen Rettung.
Die Sonate "Et exspecto" für Bajan-Solo (1986) ist Friedrich Lips gewidmet und bezieht sich auf die zweite Erscheinung Christi. Im Mittelpunkt der Sonate steht der Konflikt zwischen zwei Klangsphären. Dem reinen und klaren Choral werden klangvolle Cluster gegenübergestellt. Das Thema des Chorals, bald klar, bald geheimnisvoll und mystisch, bald feierlich , kommt in allen Sätzen vor, außer im Finale. In der Kulmination des 4. Satzes fühlt sich der Choral scheinbar bestärkt auf seinem leidvoll majestätischen Weg, aber die anfangs harmonisch einfachen Akkorde gemeinsam mit den unmerklich aufstrebenden Figurationen erhalten allmählich eine dissonante Struktur, und diese Mutation führt zu grandiosen Clustern über den ganzen Umfang des Instrumentes. Eine große Rolle kommt in der Sonate dem Geräusch des Luftknopfs zu, der das Heulen des Windes darstellt. Dieser klangliche Effekt, der im Finale gleichsam Lautgestalt erhält, schafft das Bild eines winterlichen Schneesturms... und ruft gewissermaßen eine Assoziation mit der b moll Sonate von F. Chopin hervor.
Das Trio "Silenzio" für Violine, Violoncello und Bajan wurde 1991 vollendet und ist Elsbeth Moser gewidmet. Fünf kleine einander kontrastierende Stücke vereinigt eine besondere Behutsamkeit hinsichtlich des Klangs, der sich hier als Metapher der Stille zeigt. Drei Instrumente treten geschmeidig miteinander in Wechselbeziehung, bald vereinigen sie sich in ihrer Faktur zu vibrierender Klangfülle, bald kontrastieren sie sich und tauschen gegenseitig Antworten aus, ökonomisch und markant notiert, ähnlich einem Aphorismus.
Literatur:
J. Makeewa, Interview mit Sofia Gubaidulina, Sowjetskaja Musika, 1988, Nr 6
V. Cholopowa, Sofia Gubaidulina, Moskau, 1992
V. Cholopowa, Die Welt der Musik von Sofia Gubaidulina, Musikalisches Leben, 1988, Nr 14
  Letztes Update der angezeigten Seite: 30.April 2009, 22:07 

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