Friedrich Lips

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 Freitag, 24.November 2017 14:03 

Interview von Sergej Michailowitsch Kolobkow

 

Durchgeführt von Friedrich Lips und Herbert Scheibenreif

Russische Gnessin Musikakademie, Moskau, 14./15. Dezember 2002

Dieses Celebrity Interview  mit  Sergej Michailowitsch Kolobkow wurde anlässlich seines 75. Geburtstags durchgeführt. Kolobkow kann auf eine besondere musikalische Karriere zurückblicken und spielte eine wichtige Rolle in der Entwicklung der Bajankultur Russlands, die einen enormen Einfluss auf die Entwicklung des Akkordeons in der ganzen Welt hatte.

F. Sergej Michailowitsch, in welchem  Alter begannen Sie, das Akkordeonspiel zu erlernen?

A. Meinen ersten Kontakt mit Berufsmusikern hatte ich noch vor dem Krieg, ich war damals neun oder zehn Jahre alt. Alles begann im Haus der Pioniere im Bezirk Moskworezkij der Stadt Moskau, in dem sich ein musikalischer Kreis eingerichtet hatte. Etwa zwei Jahre später lernte ich an der Kindermusikschule in der Woronzowskij-Straße. So begann meine Ausbildung.

F. War das Akkordeon Ihr erstes Instrument?

A. Als ich drei oder vier Jahre alt war, brachte mein Vater eine kleine Harmonika nach Hause. Er war selbst kein Musikant, sondern von Beruf Kraftfahrer, danach Mechaniker in einer Autofabrik, aber er spielte gerne auf der Harmonika. Später begann er mich zu unterrichten. Einen Bajan kaufte er wahrscheinlich im Jahre 1938 oder 1939.

F. Erzählen Sie uns etwas über Ihre Geburtsstadt und aus welcher Gegend Sie kommen!

A. Ich wurde im 80 Kilometer von Moskau gelegenen Dorf Korsako, Gebiet Kaluschskij geboren. Diese Gegend gehörte einmal zum Gebiet von Kaluschskij, dann wieder zu Moskau. Heutzutage ist es der Bezirk Schukowskij im Gebiet Kaluschskij. Dort wurde ich geboren und nach einem Jahr zogen wir nach Moskau. Somit bin ich praktisch Moskauer.

F. Spielten Ihre Eltern eine wichtige Rolle in Ihrer frühen musikalischen Erziehung?

A. Natürlich, wie alle Eltern. Der Vater spielte auf der Harmonika, und meine Mutter kannte sehr viele Volkslieder und sang sie mir sehr gut vor. Später hörte ich bei Pirogow und Ruslanowa andere Variationen der Lieder. All jene, die mir meine Mutter vorgesungen hatte, blieben mir bis heute in Erinnerung. So wie die Eltern in meinem weiteren Leben und Dasein eine bedeutende Rolle spielten, war auch dieser Beginn sehr wesentlich für meine Zukunft.

F. Wer waren Ihre ersten Lehrer?

A. In der Kindermusikschule war Peter (oder Viktor?) Lukitsch mein Lehrer. Danach lernte ich in der Musikmittelschule bei Vladimir Jakubowskij. Er ging in seiner Arbeit auf und gab uns, seinen Schülern, sehr viel in professioneller Hinsicht. Wir spielten im Duo, im Ensemble, er machte selbst Transkriptionen, Etüden von Chopin, die „Klassische Symphonie“ von Prokofjew, der „Militärmarsch“ von Schubert, sowie viele andere klassische Werke. Bei Jakubowskij lernte ich in der Musikmittelschule zwei Jahre, dann wurde ich an Vladimir Tjurikow weiterverwiesen. Er ist ausgebildeter Pianist und unterrichtete am Konservatorium. Er war an der Front bei einer Konzertbrigade, spielte auf dem Tastenakkordeon und machte Übertragungen für Bajan. Ich erinnere mich daran, dass er sehr gut die englische Sprache beherrschte. Im Haus von Tjurikow gab es eine hervorragende Bibliothek. Bei ihm schloss ich die Musikmittelschule ab. Im allgemeinen sind meine Erinnerungen an die Musikmittel-schule sehr klar. Dort beschäftigten sich mit uns wunderbare Musiker, später angesehene Persönlichkeiten, bekannte Pädagogen. Zum Beispiel Anaida Sumbatjan, eine führende Pädagogin an der Zentralmusikschule und bei uns an der Musikmittelschule zu dieser Zeit pädagogische Leiterin. Oder Anna Michaltschi, die Lehrerin Rachmaninows. Wir erhielten eine hohe akademische Ausbildung. Warum sage ich immer, dass wir mehr akademische Atmosphäre brauchen? Einfach weil ich dadurch alles in mich aufnahm.

F. Beschreiben Sie bitte Ihre mittlere und höhere Ausbildung!

A. Ich beendete die Mittelschule ziemlich früh, nach drei Jahren, im Jahre 1945. Damals gab es noch keine höhere Ausbildung auf dem Bajan. Im Oktober 1945 trat ich ins Ossipow-Orchester ein, begann dort zu arbeiten. Und im Jahre 1948 wurde die Abteilung für Volksinstrumente am Gnessin-Institut eröffnet. Ich trat dort ein, als ich schon Konzertmeister eines Bajan-Ensembles im Orchester war. Aus dem Orchester traten damals so seriöse Leute wie Konzertmeister Boris Tichonow, Vertreter des Konzertmeisters Miromanow, ein. Wir hatten schon Arbeitserfahrung: drei Jahre im Ossipow-Orchester, Auftritte mit bedeutenden Sängern und Musikanten. Wir begannen, zusammen die Fakultät aufzubauen. Sehr wichtig war es da, dass uns Jurij Muromzew, Elena Gnessina und Aleksandr Iljuchin mit Rat und Tat zur Seite standen. Ich musste im Ossipow-Orchester arbeiten und am Institut studieren.

       Mein Pädagoge für Bajan war Viktor Gorochow. Ich weiß nicht, welche Ausbildung er als Bajanist hatte, aber ich weiß, dass er die theoretische Fakultät des Konservatoriums in Swerdlowsk absolvierte. Er spielte Bajan im Mossowjet-Theater. Er verstarb ziemlich früh, aber schon nach Ende meiner Ausbildung. Dirigieren studierte ich bei Aleksandr Iwanow-Radkewitsch. Insgesamt möchte ich sagen, dass dem ersten Kurs der Kathedra sehr große Bedeutung zugemessen wurde. Dort waren hervorragende Musiker, Dirigenten des Bolschoj-Theaters und staatlicher Orchester wie Simin, Sacharow, später Ogarkow, Druschinin, Sergej Gortschakow und Vladimir Degtjarenko .

F. Haben Sie irgendwelche bleibenden Erinnerungen von Ihren Lehrern?

A. Vladimir Tjurikow hinterließ durch seine schöpferische Atmosphäre, mit der er uns umgab, einen starken Eindruck auf mich. Ein großer Enthusiast war Vladimir Jakubowskij, ein überaus intelligenter Mensch, er hat mir sehr viel gegeben. Viktor Gorochow beeindruckte mich sehr durch seinen großen Enthusiasmus. Obwohl ich nicht direkt bei Elena Gnessina und Jurij Muromzew studierte, hinterließ der häufige Kontakt mit ihnen auch seine Spuren. In der Musikmittelschule blieben mir die Kontakte mit den Pianistinnen Anaida Sumbatjan und Anna Michaltschi in Erinnerung.

F. Sie waren ein junger Mann, als das Bajan in das Gnessin-Institut  aufgenommen wurde. Was wissen Sie darüber und wer waren die damaligen Lehrer?

A. Natürlich waren die Gnessins sehr fortschrittliche Leute, Revolutionäre im besten Sinn des Wortes. Und dank des Charakters von Elena Gnessina, ihrer Autorität, wurde in der akademischen Hochschule eine Fakultät für Volksinstrumente eröffnet. Zu dieser Zeit musste man sehr mutig sein, um einen solchen Schritt zu wagen, und der akademische Rat musste erst überzeugt werden.                                                                                                                 Jurij Muromzew hatte auch sehr progressive Ansichten, und zweifache Ausbildung. Als Pianist hatte er bei Igumnow absolviert, als Dirigent bei Gauk. Er war im Krieg und kam mit militärischen Auszeichnungen zurück. Er und Elena Gnessina hinterließen einen tiefen Eindruck auf mich.

F. Sie waren in die Entwicklung des Bajans von einem einfachen Volksinstrument zu einem seriösen Konzertinstrument involviert. Es war dies eine Zeit von gewaltigen Entwicklungen des Repertoires, des Instrumentenbaus und der Spielpädagogik. Wie haben Sie diese faszinierende Zeit erlebt?

A. Als ich in der Musikschule, der Musikmittelschule und auch am Institut studierte, erlebte ich bereits die professionelle Entwicklung des Bajans. Andererseits bestimmt die Identität eines Instruments sein Repertoire, und damals gab es trotz der Konzerte von Klementjew, Rubzow und Sotnikow nicht so viele hochkünstlerische Werke. Später erschienen die Werke von Tschaikin und Schischakow. Unter den Interpreten war natürlich das erste Bajan-Trio in der Besetzung Kusnjezow, Popkow und Danilow. Zu ihrem Repertoire gehörten sowohl klassische Werke als auch Bearbeitungen von Volksliedern. Es handelte sich um hervorragende akademisch hochstehende Interpretationen. Im Finale der vierten Symphonie von Tschaikowskij kommt auch das Volkslied „Auf dem Feld stand die Birke“ vor, in der zweiten Symphonie das ukrainische Lied „Der Kranich“, aber man darf das nicht Folklore nennen. Das gilt auch dort.

            Und im Ossipow-Orchester wurden Werke von Budaschkin, Cholminow, Kulikow, Wasilenko, russische Klassik und Romanzen aufgeführt. Iwan Panizkij machte ausgezeichnete Bearbeitungen. Später trat das Duo Schalajew/Krilow auf. Aber die ziemlich stürmische Entwicklung als akademisches Instrument in der Kammermusik setzte wohl erst im Lauf der letzten zwei, drei Jahrzehnte ein, obwohl dieser Durchbruch noch im Schaffen Tschaikins mit seiner weithin bekannten Sonate und seinem Konzert für Bajan und Orchester begonnen hatte. Aber jetzt setzt Friedrich Lips diesen Durchbruch fort.

           

F. Welchen Lehrern oder Künstlern sind Sie für ihren Einfluss auf Ihre musikalische Karriere besonders dankbar?

A. Die Atmosphäre am Institut und im Ossipow-Orchester übte den stärksten Einfluss auf mich aus, von der Arbeit mit hervorragenden Sängern wie Aleksandr Pirogow, Maria Maksakowa, Lydia Ruslanowa und Iwan Koslowskij war ich tief beeindruckt. Ich saugte all das in mich auf, auch das war Teil meiner Ausbildung.

F. Wie begann Ihre Karriere als Konzertsolist und welche waren die denkwürdigsten Höhepunkte? Soloaufnahmen und Auftritte im Fernsehen? Uraufführungen?

A. Meine Karriere als Interpret begann mit dem Ossipow-Orchester. Ich erinnere mich, dass ich am 18. Oktober 1945 vorspielte und Viktor Smirnow mir zuhörte. In der Folge nahmen wir eine ganze Reihe von Werken für das Radio auf, darunter das Konzert für Bajan und Orchester von Rubzow und das Konzertstück von S. Konjajew, unter den Soloaufnahmen „Valse caprice“ von Rubinstein, „Hummelflug“ von Rimskij-Korsakow. Im Fernsehen, erinnere ich mich, gab es eine Aufnahme mit dem Guslispieler Bsjewolod Beljajewskij.

F. Wie wurden Sie Lehrer am Gnessin-Institut?

A. Nach Abschluss des Instituts im Jahre 1953 luden mich Aleksandr Iljuchin und Jurij  Muromzew ein, Lehrer der Kathedra zu werden. Alles in allem hatte ich sowohl zu Aleksandr Iljuchin als auch zu Jurij Muromzew und Elena Gnessina eine gute Beziehung. Ich begann, Bajan zu unterrichten, und nach dem Festival im Jahre 1957 schlug mir Iljuchin vor, Leiter des Orchesters für Volksinstrumente zu werden. So kam es, dass bei mir das Dirigieren überwog, zumal ich Orchestermusiker war.

F. Als Lehrer am Gnessin-Institut hatten Sie Schüler, die ihrerseits später sehr berühmt wurden. Erzählen Sie uns bitte über diese Studenten!

A. Ich hatte eine ziemlich große Klasse, aus der zahlreiche bekannte Interpreten hervorgingen. Das waren in erster Linie Friedrich Lips, Jurij Vostrjelov und Aleksandr Skljarow. Jetzt sind sie unsere führenden Musiker, Elite und Autorität. Jurij Dranga machte bei mir die Assistentura. Viele meiner Absolventen arbeiten heute in Konservatorien, Musikmittel-schulen, Orchestern, darunter befinden sich auch Leiter von Instituten wie Pjotr Goworuschko in St. Petersburg und Jewgenij Kolobow in Uljanowsk u.s.w.

F. Sie waren einer der ersten Lehrer, die mit jungen Bajankünstlern zu internationalen Akkordeonwettbewerben fahren konnten. Wie kam es dazu und was waren Ihre ersten Eindrücke dieser internationalen Veranstaltungen?

A. Nun welche Eindrücke? Bei Wettbewerben gibt es so gut wie nichts besonderes. Sobald das Programm bekannt ist, das Pflichtstück, gibt es nur noch Arbeit, Arbeit und nochmals Arbeit. Das ist mein ganzer Eindruck. Ich erinnere mich daran, wie seriös wir uns mit Friedrich Lips für Klingenthal vorbereiteten. Dort gab es dafür den ersten Preis. Mit Vostrjelov für Leicester und mit Skljarow für Brügge. Wir erstellten einen Arbeitsplan, machten Pausen, damit keine Übermüdung eintreten konnte. Es ist notwendig, seine Kräfte richtig einzuteilen, schließlich beinhaltet ein Wettbewerb auch eine Kultur des Studiums, des Ausruhens sowie  der Ernährung. An all das gingen wir sehr seriös heran. Kolja Sobotschewskij ist ein sehr guter Interpret, aber er beteiligte sich nicht an Wettbewerben.

F. Wie wurden russische Kandidaten ausgewählt? Wie verlief in diesen frühen Jahren die Vorbereitung von Kandidaten für internationale Wettbewerbe?

A. Früher fanden landesweite, allrussische Wettbewerbe statt. Jetzt ist diese Tradition verloren gegangen. Manchmal muss man auch hören: „Fahren wir zum Wettbewerb, um uns für ein Konzert einzuspielen“. Mein Standpunkt ist ein anderer, einspielen muss man sich irgendwo zu Hause, aber zum Wettbewerb muss man gehen, um zu gewinnen, unter den ersten zu sein. Wie geschah das früher? Zuerst veranstalteten wir in der Kathedra ein Vorspiel und bestimmten die würdigen Kandidaten. Ich erinnere mich, wie sich bei uns im Kleinen Saal die Kommission versammelte, die Kathedra unter dem Vorsitz von Jurij Muromzew. Nach dem Vorspiel berieten wir sehr lange, welchen Spieler wir empfehlen sollten. Weiters erfolgte eine allrussische Auswahltour. Daraus entstand eine Autorität, weil vom Gnessin-Institut immer das höchste Niveau erwartet wird! Vielleicht klingt das etwas zu streng, aber darauf gründete sich unsere Tradition. So war die Auswahl, und in der Regel waren unsere Bajanisten immer erfolgreich.

F. Welche Bedeutung hatte es für das Leben dieser jungen Künstler, einen internationalen Wettbewerb zu gewinnen?

A. Natürlich ist der Wettbewerb ein Meilenstein im Leben. Aber welche Wege, Horizonte, Möglichkeiten sich in der Folge dem Interpreten öffnen, hängt vom Kandidaten selbst ab. Aus der Erfahrung vieler Wettbewerbe kann ich sagen, dass es zwar viele Preisträger gibt, aber nur wenige Persönlichkeiten. Im großen und ganzen ist der Wettbewerb für den Musiker natürlich wesentlich: er inspiriert, begeistert und organisiert.

F. Sie waren Herausgeber der berühmten Reihe “Bajan und Bajanisten” über viele Aspekte der Bajankultur. Erzählen Sie uns darüber und welcher war Ihr persönlicher Beitrag?

A. Ich arbeitete nicht lange an dieser Reihe von Bänden, obwohl ich immer aktiv an der Besprechung von Artikeln teilnahm. Ich denke, das ist ein wesentlicher Beitrag. Dort gab es sowohl gute wissenschaftliche Arbeiten als auch populär-volksbildende Artikel. Kurz gesagt, die Reihe „Bajan und Bajanisten“ spielte in Theorie und Methodik der Bajankultur meiner Meinung nach eine sehr wichtige Rolle. Das ist nicht nur so gesagt, dort gab es wirklich tiefgehende, wertvolle Materialien, die in der Folge in Dissertationen, Arbeiten und Monografien entwickelt wurden.

F. Sie sind auch als Leiter des weltberühmten Ossipow-Orchesters für Volksinstrumente sehr angesehen. Wie wurden Sie sein Dirigent?

A. Als ich 1953 mein Studium beendete, wurde ein Wettbewerb um den Assistenten des Dirigenten ausgeschrieben. Ich gewann diesen Wettbewerb, wurde Assistent des Dirigenten und später auch ständiger Dirigent. Das Orchester unterstützte mich, weil ich selbst Orchestermusiker war. Wir hatten viele Konzerte mit großen Sängern: Ruslanowa, Pirogow, Sikina, Lewko, Archipowa.

F. Wann und in welche Länder fand Ihre erste Gastspielreise als Dirigent des Ossipow-Orchesters für Volksinstrumente statt?

A. Mit dem Ossipow-Orchester fuhr ich nicht ins Ausland. Aber mit dem Moisejew-Ensemble hatten wir Tourneen in die ganze Welt. Im Moisejew-Ensemble war ich insgesamt ungefähr acht Jahre. Wir besuchten viele Länder: USA, Europa, Lateinamerika, Australien, Neuseeland, Afrika. Aufführungen fanden täglich statt. An einem Tag dirigierte N. Hekrasow, am nächsten war ich an der Reihe. Dieses Orchester hatte höchstes Niveau, ein hochklassiges Orchester, ungeachtet dessen, welche Musik gespielt wurde.

F. Welche waren die interessantesten und wichtigsten Auftritte als Solist, als Mitglied von Volksensembles sowie als Leiter des Ossipow-Orchesters? Beschreiben Sie bitte Ihre ungewöhnlichsten und humorvollsten Auftritte!

A. Wir waren auf Gastspielreise in Stawropol, als in Moskau Dmitrij Ossipow starb. Aber wir hatten das tägliche Konzert im großen Konzertsaal. Ich dirigierte, Solistin war Lydia Ruslanowa. Sie sang das Lied „Die hundertjährige Linde“ ganz tränenüberströmt, das Orchester schluchzte, im Saal verstand man nichts. Das ganze Konzert verlief in der Stimmung von unglaublicher Spannung. An dieses Konzert werde ich mich mein ganzes Leben erinnern.

            Ein anderer Fall: „Schneewittchen“ von P.I. Tschaikowskij mit dem Kleinen Theater, dem Jurlow-Chor und Irina Archipowa ohne Probe. Es handelte sich um das tägliche Konzert im Tschaikowskij-Saal. Plötzlich war der Dirigent Gnutow erkrankt. Und so schritt ich junger Mann ans Dirigentenpult. Der Konzertmeister Kapitonow zeigte dem ganzen Chor aus den Kulissen: schaut auf mich, Kapitonow, weil niemand wusste, was auf der Bühne vor sich gehen wird. Aber so wie die Aufführung ablief, zollten mir Chor und Orchester danach Beifall! An dieses Konzert erinnerten wir uns damals alle. Das waren die wohl denkwürdigsten Erlebnisse auf der Bühne.

F. Sie hatten enormen Einfluss auf die Entwicklung der Bajankultur in Russland durch ihre administrativen Positionen als Rektor des Gnessin-Instituts und als Vizekulturminister. Wie erlangten Sie so wichtige administrative und politische Stellungen?

A. Zuerst war ich Leiter der Lehrkanzel, gleichzeitig auch Sekretär der Parteiorganisation. Als Muromzew ans Bolschoj-Theater ging, wurde Vladimir Minin Rektor. Er bot mir die Stelle eines Prorektors an. Insgesamt war ich neben meiner Lehrtätigkeit etwa acht Jahre Prorektor. Mit der Zeit entwickelte sich die Lage so, dass Minin wegging, und ich etwa zwei Jahre lang die Agenden eines Rektors übernahm, zumal bei mir als erstem Prorektor alle Fäden der Führung und das Wissen um das Kollektiv zusammen liefen. Und plötzlich lädt mich der Minister und danach der Ministerrat zur Mitarbeit im Ministerium ein. Ich sage nein, mein Tätigkeitsbereich liegt im Institut, dort bin ich groß geworden, ich baute alles auf und ich weiß alles. Danach luden sie mich zweimal in den sowjetischen Ministerrat ein, ich lehnte zweimal ab, musste dann aber trotzdem mein Einverständnis geben und Vizekulturminister Russlands werden, Kurator für alle Fragen der Musikkunst. In dieser Funktion verblieb ich dreieinhalb Jahre. Es gab viel Arbeit: Wettbewerbe von akademischen und volkstümlichen Chören, Ensembles, Symphonieorchestern, verschiedene Festivals, Tage Russlands in Kirgistan, Georgien, Bulgarien, u.s.w.

         Es vergingen dreieinhalb Jahre und 1984 kam ich wieder ans Gnessin-Institut als Rektor zurück. Ich muss gestehen, dass die Arbeit im Ministerium für mich von großem Nutzen war: neue Kenntnisse, Erfahrung in Führungsarbeit, Kontakte, Beziehungen. Ich erlangte Erfahrung in administrativer Arbeit, weit weg von schöpferischer, aber auch wesentlich.

F. Welche sind die wichtigsten Entscheidungen, die Sie in Ihrer Karriere treffen konnten? Auf welche Errungenschaften sind Sie am meisten stolz? Warum war es so wichtig, dass  das Institut Akademie wurde?

A. Vor allem war es ein großer Erfolg, dass aus dem Gnessin-Institut die Gnessin-Musikakademie geworden ist. Schon zehn Jahre sind wir jetzt Akademie, und unsere Hochschule findet sich in der Reihe der drei führenden Musikhochschulen Russlands. Zuerst war das Moskauer Tschaikowskij-Konservatorium, dann das Rimskij-Korsakow in St. Petersburg, und jetzt wir, die Russische Gnessin Musikakademie. Hier möchte ich auch die Eröffnung neuer Fachrichtungen und Exposituren anführen. Wir veranstalten auch große Wettbewerbe und Festivals.       Ich denke, das sind bemerkenswerte Aktionen. Darauf bin ich stolz, das bleibt in Erinnerung.

F. Welche Auswirkungen hatten die politischen Veränderungen der letzten 15 Jahre in Russland auf Ihren Beruf?

A. Ich ging weiter meiner Arbeit nach, wie auch alle anderen. Natürlich gibt es Schwierigkeiten, jetzt ist nämlich alles anders als früher. Als ich Rektor war, war es natürlich auch schwierig. Aber ich bemühte mich um Stabilität im Kollektiv, es ist nämlich die Hauptaufgabe des Administrators, die materiellen Voraussetzungen für die Arbeit sicherzustellen. Und natürlich die moralische Atmosphäre, unsere Gnessin’schen Traditionen, ich bemühte mich mit ganzer Kraft, sie zu erhalten, und es ist wunderbar, dass sie weiterleben. Jetzt stabilisiert sich die Lage, in gewisser Hinsicht gewöhnt man sich an die Verhältnisse. Ich möchte nicht sagen, dass die Atmosphäre an der Hochschule irgendwie zerbricht, nein, das ist gute traditionelle Arbeit.

F. Wo sehen Sie die Stellung des Akkordeons in der allgemeinen Musikwelt in der Zukunft?

A. In der heutigen Zeit hat das Bajan ein hohes Niveau erreicht, und hier muss man Friedrich Lips in seiner aufklärerischen und talentierten Arbeit mit Komponisten unterstützen. Man muss diesen Durchbruch festigen und Friedrich Lips weiter mit jungen Kräften unterstützen, damit sich diese Arbeit in alle Richtungen entwickelt: in der Aufführungskunst, in der Arbeit mit Komponisten, in der Abhaltung von Symposien, Konferenzen und Round table-Gesprächen. Heutzutage darf man nicht einfach sitzen und auf dem Bajan spielen.

Sergej Michailowitsch, danke für dieses interessante Gespräch.

  Letztes Update der angezeigten Seite: 30.April 2009, 22:07 

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