Friedrich Lips

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 Montag, 27.Maerz 2017 08:38 

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Friedrich LIPS


Es scheint, als wäre es gestern gewesen...



...Winter 1974/75. Wladislaw Solotarjow fasste den Beschluss, sich um die Aufnahme in den Komponistenverband zu bewerben. Er sagte mir, er wolle Mitglied dieses obersten Organs der Sowjetunion werden, obwohl er keine höhere Ausbildung hatte. Und obwohl dieses Ziel zu dieser Zeit fast unerreichbar war (ein Diplom über einen Konservatoriumsabschluss war unbedingt erforderlich), wirkte mein Freund sehr entschlossen.

Das Aufnahmeverfahren war einigermaßen kompliziert. Man musste die erfor-derlichen Dokumente vorlegen und zu einer Besprechung vor dem Komponisten-verband Moskaus und jenem Russlands erscheinen. Wegen einer Konzertreise hatte ich keine Gelegenheit, bei der ersten Kommission zu sein. Zurück in Moskau, traf ich Wladislaw und musste bei diesem Treffen erfahren, dass die erste Besprechung nicht sehr erfolgreich für ihn verlaufen war. Das Fehlen eines Diploms über eine höhere Ausbildung prägte den ganzen Verlauf der Sitzung des Komponisten-verbands, und die vorgelegten Tonbandaufnahmen von Kammermusikwerken wirkten wahrscheinlich wenig überzeugend. Solotarjow wurde nur gleichsam unter Vorbehalt durchgelassen.

- Wirst Du in Moskau sein, wenn die Besprechung in der Sitzung des russischen Komponistenverbands stattfinden wird? fragte er mich. Ich möchte, dass Du die Dritte Sonate spielst. Eine Live-Performance müsste doch auf die Kommission einen größeren Eindruck hinterlassen.

Glücklicherweise war für diesen Zeitpunkt keine Konzertreise geplant, und ich kam am festgesetzten Tag in den Komponistenverband. Die Sitzung fand oben statt, im kleinen Saal. Zuerst führte Solotarjow anhand einer Tonbandaufnahme „Sechs Romanzen nach Versen japanischer Dichter“ vor (ich erinnere mich nicht an die Interpreten). Ich spielte mich indessen auf dem Gang ein. Etwa eine halbe Stunde nach Beginn der Sitzung öffnete sich die Tür, Wladik kam und bat mich in den Saal. Seine Anspannung war spürbar und auch ich war ziemlich aufgeregt. Im Saal waren wenige Leute. Der bekannte Komponist Grigorij Fried eröffnete die Sitzung. Er stellte kurz den Interpreten vor und nannte das Werk. Ich begann zu spielen. Wie spielte ich? Wahrscheinlich ganz gut, obwohl man in diesem Fall nicht bescheiden sein soll. Es ist sehr wahrscheinlich, dass es sich um eine meiner besten Interpretationen der Dritten Sonate handelte. Ich war darauf vorbereitet, meinen Freund bis zum Äußersten zu unterstützen. Und ich tat mein Möglichstes...

Im Laufe aller 23 Minuten, solange dauerte die Sonate, stellte sich im Saal eine angespannte Stille ein, die entsteht, wenn ein Fachpublikum Musik hört und dieses Publikum begeistert ist. Natürlich hörten die verehrten Mitglieder der Kommission sehr gut, dass sie es mit einer großen Begabung zu tun hatten, und dass, zum Unterschied von der Vielzahl junger Autoren, die die Komponistenklasse der Hochschulen abgeschlossen hatten und den höchsten Komponistenrang anstrebten, das Talent originell war und eine völlig einzigartige musikalische Denkweise hatte. Was die erste Besprechung zu einem relativen Misserfolg für Wladislaw Solotarjow werden ließ, trat zu meiner großen Verwunderung diesmal nicht ein. Er hatte viele Neider, besonders bekannt war die kaum verhohlene Missgunst unter den Komponisten. Und da waren auch „Prinzipien“: ohne

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Ausbildung, „er beendete nicht das Konservatorium“, „ohne Heimat und Verwandte“, hat jedoch tollen Erfolg bei den Bajanisten. Aber heute waren im Saal schon so bekannte Komponisten wie Gubaidulina, Artjomow und eine Reihe anderer. Von ihnen hing in großem Maße das Urteil über die Begabung des Bewerbers um die Mitgliedschaft im Komponistenverband ab.

... Die letzten stillen Akkorde des Finales verklangen. Die Musik ging über in die Stille. Der Vorsitzende dankte mir und bat mich zur Besprechung zu bleiben. Ich ging zu Solotarjow, der nicht weit von Gubaidulina saß. Die Besprechung verlief sehr emotional. Fast jeder bemühte sich, zugunsten des jungen Autors zu sprechen. Als eine der ersten ergriff Gubaidulina das Wort. Ich sah sie erstmals so aus der Nähe, aber für Wladislaw war sie schon damals eine unbestrittene Autorität. Sie sprach über das Talent des jungen Komponisten, den man unbedingt unterstützen müsse. Ihre Stimme war nicht laut, klang aber sehr gewichtig. Unter anderen Rednern bat auch ich ums Wort und unterstrich dabei, welch große Bedeutung Solotarjow für uns Bajanisten hat.

Besonders emotional war der Auftritt von Wjatscheslaw Artjomow, an den ich mich fast wörtlich erinnere:

- Was besprechen wir hier überhaupt? Es geht um einen außergewöhnlich talentierten, hochprofessionellen, perfekten Komponisten! Ich schlage vor, die Besprechung zu beenden und über die Aufnahme Solotarjows in den Komponisten-verband abzustimmen (Später erlangte Artjomow große Bekanntheit, als sein Requiem und sein Zyklus von Symphonien von Mstislaw Rostropowitsch und den Washingtoner Symphonieorchester aufgeführt wurde).

Ich schaute Wladik von der Seite her an. Stolz auf meinen Freund erfüllte mich. Er war wie immer ruhig, nur ein leicht verlegenes Lächeln verriet seine innere Erregung.

Den Strich unter die Besprechung zog der Vorsitzende Grigorij Fried.

- Ich muss gestehen, dass ich von der Sonate für Bajan buchstäblich über-wältigt bin. Und wenn ich nach dem ersten Hören der Musik Solotarjows noch gewisse Zweifel hatte, so sind sie jetzt völlig zerstreut.

Am Ende der Sitzung eilten viele zu Wladislaw um zu gratulieren. Zuerst kam Gubaidulina und gratulierte uns beiden herzlich und aufrichtig. Dann folgte eine ganze Reihe von Komponisten. Natürlich versäumte ich nicht, sie über ihre Beziehung zum Bajan zu befragen und ob sie nicht etwas schreiben wollte.

- Ich möchte sehr gerne ein Werk für Bajan schreiben, aber ich muss mit diesem Instrument besser vertraut werden. Ich kenne es nämlich überhaupt nicht. Mir scheint, dass es über kolossale Möglichkeiten verfügt. Könnten Sie mir dabei helfen?

Ich war im siebenten Himmel des Glücks. Gubaidulina, dieselbe Gubaidulina, über die mir Wladislaw Solotarjow schon soviel erzählt hat, ist begeistert von einem für sie neuen Instrument und lädt mich zur Zusammenarbeit ein! Wir tauschten unsere Adressen aus und verabredeten ein Treffen.

So erfreulich der Aufnahmevorgang Solotarjows in den Komponistenverband ausgegangen war, erhielt er zu meinem großen Bedauern nicht seine logische Erfüllung. Während die Formalitäten seiner Mitgliedschaft in den Verband abgeschlossen wurden, beging er am 13. Mai 1975 Selbstmord – ein schwarzer Tag in der Geschichte der Bajankunst. An diesem Tag ist Wladislaw Solotarjow verschieden. Er machte mit sich Schluss ... (über mögliche Gründe – ein anderes Mal).


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... Bald nach diesem Treffen im Komponistenverband begann mein Kontakt mit Gubaidulina. Sie kam zu mir auf das Institut in die Klasse und nach Hause.

Natürlich machte ich sie mit allen Möglichkeiten des Instruments vertraut, mit den Balgtechniken, der Tonbildung, den Registern. Aber ich war erstaunt, wie pedantisch genau sie nach allen Details fragte, wie akribisch sie jedwede Einzelheit ergründete, der wir Bajanisten keine Bedeutung beimessen. Sie war bestrebt, gleichsam unter das Fell dieses Monsters einzudringen (wie sie in der Folge den Bajan bezeichnete) und es von innen zu kennen. Offen gesagt, der Kontakt mit ihr war stets sehr angenehm und lehrreich. Keine Andeutung auf die Ungewöhnlichkeit. Absolut zugänglich im Umgang, ging von ihr gleichzeitig das Licht der Freude und der Trauer aus. Darüber, dass sie eine besondere Beziehung zu Gott hat, gibt es keinen Zweifel, das fühlt man sofort. In ihrer Nähe möchte man selbst besser und reiner sein, weil man sich gleichsam magnetisch von einer Aura kristallklarer Reinheit angezogen fühlt. Nie äußerte sie sich auch nur über einen einzigen Komponisten negativ. Und wie liebte sie erst ihre Interpreten!

Ihr erstes Werk für Bajan „De profundis“ stellte sie 1978 fertig. Sie kam zu mir in die Klasse auf das Institut und spielte auf dem Flügel. Ich war entzückt, nicht nur über die Musik, sondern auch darüber, wie genau sie die Bajanfraktur getroffen hatte, die akustischen Möglichkeiten des Instruments, die wie auf neue Art und Weise frisch erklangen. Auf meine Bitte führte sie erstmals in der russischen Literatur das Tonglissando ein. Natürlich musste ich bei der Arbeit an diesem Werk einige redaktionelle Korrekturen vornehmen, damit die Notation für die Bajanisten angenehm war, aber das war keine Arbeit, sondern ein Vergnügen. Im Gegensatz dazu bekam ich früher von einigen Autoren Werke für Bajan, die ich nicht nur redaktionell bearbeiten, sondern buchstäblich neu schreiben musste (ich erinnere mich, wie mich ein ziemlich bekannter Komponist, der mich nach einem Treffen am Gang des Instituts in seine Klasse einlud, um sein Stück zu spielen, vorher wissen ließ: „Die Pianisten spielen das nicht. Versuchen Sie es, vielleicht geht es auf dem Bajan.“ Dieses Stück spielte ich nie!).

Auf einer meiner damals nicht sehr zahlreichen Konzertreisen ins Ausland nahm ich „De profundis“ ins Programm. Diese Konzerte in Skandinavien organisierte für mich der bekannte dänische Musiker und Pädagoge Mogens Ellegaard. Die Reise wurde von der Konzertagentur Goskonzert vorbereitet. Der Briefwechsel mit dem Konzertveranstalter und die Formalitäten für eine Auslandsreise dauerten zu dieser Zeit viele Monate. Drei Wochen vor meiner Abreise läutete das Telefon. Am Apparat war Vladimir Sergejewitsch Iwanow, einer der Beamten von Goskonzert:

- Friedrich, das Stück von Gubaidulina dürfen Sie in Skandinavien nicht spielen!

- Warum?

- Alle Programme der ins Ausland auf Konzertreise gehenden Interpreten werden im Zentralkomitee der Kommunistischen Partei genehmigt. Dieses Stück wurde nicht genehmigt.

- Aber das ist doch ein sehr gutes Stück, und Gubaidulina ist eine ausgezeichnete Komponistin, die schon einen hohen Bekanntheitsgrad hat.

- Wissen Sie, sie ist als Komponistin nicht konstant (?!). Einmal schreibt sie gut, dann wieder schlecht. Spielen Sie besser etwas von Schostakowitsch.

- Aber Schostakowitsch schrieb nicht für Bajan!

  • Nicht wichtig! Oder von Chrennikow. Nehmen Sie ein Fragment aus der Oper „Im Sturm“ und machen Sie eine Bearbeitung.

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- Ich habe sowohl vor Schostakowitsch als auch Chrennikow große Achtung und werde in Zukunft unbedingt eine Bearbeitung ihrer Werke machen, aber für

- diese Konzertreise möchte ich im Ausland neue Originalwerke zeigen, die speziell für Bajan geschrieben sind.

Während dieses Gesprächs war ich sehr ruhig, obwohl in meinem Kopf bereits ein Schwall von Gedanken kreiste. Ich spürte bereits die möglichen Konsequenzen, dass die Musik der in eingeweihten Kreisen bekannten Troika Schnittke, Gubaidulina und Denissow gleichsam heimlich verboten wird, Gennadij Roschdjestwenskij wird deshalb die Premiere der 1. Symphonie von Schnittke nicht in Moskau, sondern in Gorkij (Nischnij Nowgorod?) abhalten, Autorenabende mit Denissow werden abgesagt, in Rechenschaftsberichten von Sitzungen des Komponistenverbands wird dessen erster Sekretär T. Chrennikow von der übermäßigen Begeisterung einiger Komponisten für religiöse Themen sprechen (alle wussten, dass er dabei natürlich Gubaidulina im Visier hatte). Im allgemeinen war der Dialog gekünstelt und von einem unseriösen Charakter geprägt. Deshalb reifte in mir folgender Entschluss: wenn es verboten wird, das Stück auf dem Plakat zu erwähnen – spiele ich es außer Programm. Wobei die Konsequenzen gravierend sein könnten: die Rezensionen erscheinen im Westen in den Zeitungen des folgenden Tages, alle Werke werden genannt und analysiert, wobei die Kritiker das Stück von Gubaidulina besonders hervorheben werden. Die Rezensionen gelangen in die Botschaft, die wieder die entsprechenden Stellen in Moskau informieren wird, und es gibt einen Musiker mehr, der seinen Wohnort nicht mehr verlassen darf. Vladimir Sergejewitsch Iwanow war prinzipiell ein guter Mensch und verhielt sich zu mir immer korrekt. Deshalb begann er nicht, Druck auf mich auszuüben, sondern leitete mich weiter an eine höhere Instanz.

- Nun gut. Wenn Sie so darauf beharren – nehmen Sie die Noten, das Bajan und zeigen Sie dieses Werk im Kulturministerium der UdSSR Valerij Michailowitsch Kurschijamskij. Vielleicht kann er eine positive Entscheidung treffen.

Eine derartige Wendung stimmte mich froh. Noch in der Studienzeit, als ich Solist in der Estradenabteilung von Goskonzert war, hörte der künftige Leiter der philharmonischen Abteilung meinen Auftritt nach künstlerischem Rat (ich erinnere mich, ich spielte damals „Toccata und Fuge d-moll“ von Bach, „A la Albeniz“ von Schedrin und „Partita“ von Solotarjow) und war Initiator meines Aufstiegs in die philharmonische Abteilung. Später arbeitete er als Dirigent des Opern- und Ballett-theaters in Alma-Ata, danach kehrte er nach Moskau zurück in eine Führungsposition des sowjetischen Kulturministeriums als stellvertretender Verwaltungschef schulischer und musikalischer Institutionen.*)

Ich nehme die Noten und gehe ins Ministerium. Kurschijamskij warf mir sofort Fragen an den Kopf:

- Warum möchten Sie im Ausland Gubaidulina spielen?

- Weil das gute Musik ist.

- Geben Sie die Noten!

Er begann das Stück durchzublättern und stellte halb scherzend mit absichtlich ukrainischem Einschlag seine Fragen:


*) Anfang der 90er Jahre arbeitete ich in Spanien und entdeckte beim Durchlesen von Monatszeitschriften, die ich üblicherweise auf Reisen mitnehme, die Information, dass V. M. Kurschijamskij in der Einfahrt seines Hauses ermordet worden war.

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- Was ist das?

- Das ist ein Cluster.

- Und das, was ist das?

- Das ist ein Glissando mit Cluster.

- Und das?

- Das ist ein Tonglissando ... und das ist das Geräusch des Luftknopfs.

Ich verstand, dass unsere Beamten und Parteifunktionäre fürchteten, die Komponisten könnten mit Tönen irgendetwas Antisowjetisches wiedergeben. Aber ich vertraute aus bestimmten Gründen auf Kurschijamskij, er war anders. Und ich irrte mich nicht. Letztendlich schlug er die Noten zu, überreichte sie mir und sagte:

- Meinetwegen, ich weiß, dass Sie ein schöpferischer Mensch sind. Spielen Sie, was Sie wollen.

Meine Vermutungen hinsichtlich der Reaktion auf das Stück Gubaidulinas während meiner Konzertreise bewahrheiteten sich: die Kritiker, die insgesamt sehr positiv auf meine Konzerte reagierten, stellten stets das Werk Sofia Asgatownas heraus. Und Seppo Heikinheimo, der führende finnische Musikkritiker der größten Zeitung des Landes „Helsinki Sanomat“ – ein leidenschaftlicher Verehrer des Schaffens von Gubaidulina, bekannt auch als Übersetzer und Redakteur der finnischen Ausgabe des in vielen Ländern unrühmlich bekannten Buches von Solomon Wolkow über Dmitrij Schostakowitsch – war von dem Stück so begeistert, dass er eine Aufführung beim prestigeträchtigen Festival für Orgelmusik in Lahti anregte.

... Wenn ich nach meiner Meinung über die Rolle von Wladislaw Solotarjow und Sofia Gubaidulina in der Geschichte des Bajans gefragt werde, dann formuliere ich die Antwort kurz auf folgende Weise: Solotarjow hob durch sein Schaffen das Bajan empor und führte es aus der Sphäre der ausgesprochenen Bajanmusik in die Welt der Kammermusik, und Gubaidulina, kraft ihrer Autorität und und ihres Ansehens, nahm das Bajan aus den Händen Solotarjows in Empfang und verhalf ihm zu seinem verdienten Platz auf der hochakademischen Bühne.



Die deutsche Übersetzung dieses Artikels stammt von Dr. Herbert Scheibenreif und ist von Friedrich Lips autorisiert.

  Letztes Update der angezeigten Seite: 30.April 2009, 22:07 

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