Friedrich Lips

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 Freitag, 24.November 2017 13:59 

Friedrich LIPS


ALFRED SCHNITTKE (1934-1998)

(Es scheint, als wäre es gestern gewesen... – 5)


Alfred Schnittke, Genie des 20. Jahrhunderts, schrieb kein einziges Werk für Bajan, aber einige schöpferische Kontakte mit ihm, die leider keine Früchte zeigten, blieben fest in meinem Gedächtnis verankert. Kein Resultat ist, wie die Gelehrten sagen, auch ein Resultat: im gegebenen Fall waren die Kontakte für mich (und hoffentlich nicht nur) sehr interessant und aufschlussreich.

Eigenartigerweise erinnere ich mich an den Zeitpunkt unseres ersten Treffens nur vage, aber dafür umso klarer an alle darauffolgenden Begegnungen. Zum ersten schöpferischen Kontakt kam es im Juni 1974. Ich erinnere mich daran, dass ich als junger Pädagoge bei einer der sommerlichen Fachprüfungen saß und ungeduldig auf die Stunde wartete, für die unser Treffen mit Schnittke in der Eingangshalle des Gnessin-Instituts festgesetzt war. Er wollte sich eingehend über die Möglichkeiten des modernen Bajans informieren; außerdem schrieb er gewöhnlich für einen bestimmten Musiker und musste insofern über seine Eigenarten gut Bescheid wissen, um auf die künstlerischen Möglichkeiten des Solisten, des Ensembles oder Dirigenten besser eingehen zu können.

Schnittke war pünktlich. Wir zogen uns mit ihm in eine der Klassen zurück und ich spielte ihm die Dritte Sonate Wladislaw Solotarjows vor. Danach sprachen wir ziemlich lange nicht nur über die Sonate, sondern auch über vieles andere. Ihm gefiel der erste und der dritte Satz, das Finale kritisierte er leicht (wie etwas früher auch E. Denissow), dafür war er entzückt über den Klang des zweiten Satzes.


  • Solotarjow ist sehr talentiert, es wäre gut für ihn, sein schöpferisches Denken in Ordnung zu bringen. Er muss sich mit Religion beschäftigen, die Bibel lesen.

  • Aber er kennt die Bibel gut, erwiderte ich. Er ist auch mit vielen philosophischen Werken vertraut.

  • Dann soll er sich näher mit der indischen Religion beschäftigen.

Sie diszipliniert und ordnet die Gedanken.


In der Folge begann Schnittke, über die Möglichkeiten des Bajans in der Kammer- und Filmmusik nachzudenken. Bekanntlich arbeiteten die Komponisten damals häufig an Musik für Kinofilme. Kammermusik und sinfonische Werke brachten nichts ein.


  • Für ein Solowerk brauche ich irgendeine bestimmte Idee. Vorläufig habe ich keine. Wissen Sie überhaupt, dass meine aller erste Erfahrung als Komponist ein „Konzert für Akkordeon“ war? Unsere Familie lebte nach dem Krieg in Österreich, in Wien und außer einem Akkordeon war kein anderes musikalisches Instrument bei der Hand.


Bei dem Gespräch stellte sich heraus, dass unsere Eltern von ein und demselben Ort stammten: seine aus Engels, Gebiet von Saratow, und meine aus Balzer (jetzt Krasnoarmeisk), in der Nähe von Engels. Das Gespräch verlief sehr freundschaftlich, ja sogar vertraulich. In diesen Jahren setzte unter den Juden ein Ausreiseboom ein, und in der Folge auch bei den Deutschen. Nicht wenige Musiker

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und andere Künstler blieben während Gastspielreisen im Ausland. Deshalb fragte ich ihn, ob er nicht beabsichtigte, wegen bekannter Ärgernisse offizieller Kreise mit der Musik der Komponisten der sogenannten „sowjetischen Avant-garde“ zu emigrieren. „Nein, ich habe das nicht vor“, erwiderte Schnittke sehr entschlossen. „Das Problem einer Ausreise stellt sich mir nicht. Ich will, dass meine Musik zuerst hier anerkannt wird, in diesem Land, und danach sehen wir weiter – vielleicht wird diese Frage aber noch aktuell.“

Ich möchte darauf hinweisen, dass Schnittke seine Gedanken in so vollendete Form kleidete (in der Folge konnte ich mich öfters davon überzeugen), dass sogar ein alltägliches Gespräch sehr hohes Niveau hatte. Seine Rede, eine beliebige Äußerung, konnte man, unter einem gewissen Vorbehalt, ohne vorangehende Redaktion sofort publizieren. Er sprach leise, sanft und überaus wohlwollend. Ein Treffen mit ihm verlief immer in einer besonderen Atmosphäre, die mich in höhere Sphären führte, die mir bis dahin unzugänglich waren; ich war mir voll bewusst, dass Schnittke schon die Grenze des Talents überschritten hatte, um sich dauerhaft in die Kategorie der „Genies“ einzuordnen.

Beim Abschied vereinbarten wir in Kontakt zu bleiben. Es war etwas peinlich, ja sogar kurios, dass mir sein Vatersname nicht bekannt war, und ich wusste nicht, wie ich mich an ihn wenden sollte. Als ich mich endlich entschloss, ihn danach zu fragen, betrachtete er mich plötzlich aufmerksam, als ob er mein Alter oder die Ebene unserer möglichen nachfolgenden Treffen beurteilen würde, und sagte: „Nennen Sie mich Alik!“. Auf meinen Einwand antwortete er kurz: „Einfach Alik“. Natürlich wusste ich über den Vatersnamen Bescheid und Schnittke war für mich immer Alfred Garriewitsch?!

Im Frühling 1978 erschien in der „Prawda“, der damaligen Zeitung des Zentralkomitees der Partei, völlig unerwartet für alle der Artikel von A. Schjuraitis

„Zum Schutz der Pique Dame“, der mit scharfen Worten begann: „Machen Sie sich auf eine ungeheuerliche Aktion gefasst! Ihr Opfer ist das Meisterwerk von P.I. Tschaikowskij, des Genies der russischen Klassik. Nicht zum ersten Mal wendet man sich gegen sein einzigartiges Werk, die „Pique Dame“. Als Vorwand soll dienen, dass das Libretto nicht mit jenem Puschkins übereinstimmt. Sogenannte selbsternannte „Testamentsvollstrecker Puschkins“ u.s.w. in diesem Geist, kurz gesagt, die völlige Vernichtung der Idee der Neufassung der bekannten Oper, deren Inszenierung in der „Grande Opéra“ in Paris realisiert werden sollte. Die neue Redaktion der Oper stammte von dem Regisseur B. Pokrowskij, dem Komponisten A. Schnittke sowie dem Dirigenten G. Roschdjestwenskij. Der ganze Ton des Artikels war erniedrigend (der Gipfel war dabei „Pseudo - Avant-garde - Komponist“). Eigentlich galt er allen dreien: “Das ist eine vorsätzliche Aktion zur Zerstörung eines Denkmals der russischen Kultur... Zeigten die zuständigen Organe nicht genügend Geduld angesichts dieser Verhöhnung der russischen Klassik? Alle, denen das große Erbe der russischen Kultur teuer ist, müssen gegen die Sittenlosigkeit im Umgang mit der russischen Klassik protestieren und die Initiatoren und Urheber der Verhöhnung des Meisterwerks der russischen Oper verurteilen“. So endet dieser Artikel. Es muss gesagt werden, dass dies nach dem bekannten Parteibeschluss des Jahres 1948, wo die ganze Blüte der sowjetischen Komponisten unter Führung von D. Schostakowitsch zerschlagen wurde, der empfindlichste Schlag gegen die Musikkulturschaffenden war. Niemand konnte verstehen, warum A. Schjuraitis, Dirigent des Bolschoj Theaters, die Initiative zu diesem Artikel ergriff. Er trat weder

jemals öffentlich auf, noch publizierte er Artikel. Später war zu hören, dass dieses

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Pamphlet auf Weisung „von oben“ (M. Suslow?) verfasst und Schjuraitis „gebeten“ wurde zu unterschreiben. Nachdem ich den Artikel fertiggelesen hatte, musste ich unbedingt Schnittke anrufen: „für ihn ist es jetzt überhaupt nicht einfach, er hat Unterstützung notwendig, er braucht irgendeinen moralischen Beistand“.

...Es war das längste und herzlichste Gespräch während der ganzen Zeit unserer Bekanntschaft. Er war in diesem Moment tatsächlich niedergeschlagen und benötigte aufrichtige Worte der Unterstützung, und ich fühlte, wie froh er über meinen Anruf war. Sicherlich riefen ihn viele nahe Freunde an, aber wie viele Gegner freuten sich über seine Probleme? Ich erinnere mich an einige Worte des Mitgefühls wie „kluge Leute verstehen alles“ oder „trachten Sie, sich nicht alles zu Herzen zu nehmen“. Er sagte, er wollte keine einzige Note Tschaikowskijs ändern, sondern einfach der authentischen Quelle, nämlich Puschkin, möglichst nahe kommen. Als Zwischenspiele sollten Collagen aus der Oper auf dem Cembalo erklingen. „Übrigens“, lebte Schnittke auf, „Roschdjestwenskij beabsichtigt, eine Entgegnung in der Presse zu schreiben. Er zählte Schjuraitis selbst eine Menge von Streichungen auf, die sich dieser in Opern erlaubte“. (Die Antwort von Gennadij Nikolajewitsch wurde natürlich nirgends publiziert. – Anm. Friedrich Lips). Allmählich kam die Rede auf unser geplantes Werk für Bajan. „Ich habe viele Aufträge, ich bin für einige Jahre im voraus ausgebucht.“ Nach einer kleinen Pause machte Schnittke plötzlich entschlossen folgenden Vorschlag: „Wissen Sie, ich habe eine Liste, wo die Reihenfolge der Aufträge vermerkt ist, nach der ich arbeiten muss. Sie liegt hier vor mir. Am Ende steht das Bratschenkonzert für Jurij Baschmet, geplant für 1983. Um vom Gespräch zur Tat überzugehen, trage ich Sie für das Jahr 1984 mit einem Bajankonzert ein. Übrigens, wenn Jurij mich sieht, erinnert er mich schon von weitem: „1983!“ Beim Abschied bat mich Schnittke: „Rufen Sie mich öfter an! Warum telefonieren Sie so selten?“ Ich antwortete ziemlich albern: „Ich fühle zwischen uns eine Unterordnung, die es mir nicht gestattet, Sie öfter zu belästigen“. „Was, wie bitte?“, reagierte er emotional, „Unterordnung ist ein Begriff aus dem Wörterbuch für Soldaten. Rufen Sie an!“

Als ich Bajanisten darüber informierte, dass mich Schnittke für 1984 in seine Liste aufnahm, grinsten einige: „Was ist das, eine Warteliste? Warum solche Fristen?“ Sie verstanden nichts ... einfach irgendein Schwachsinn.

Ich war mir über die Größe der Persönlichkeit Schnittkes wohl bewusst und, einfach verliebt in seine Musik, war ich darauf vorbereitet, solange wie nötig zu warten. Und tatsächlich blieb bis zum Jahr 1984 nicht viel anderes übrig... Bald darauf kam es im Tschaikowskij-Konzertsaal zur Premiere der „Geschichten des Doktor Faustus“, danach „Johannespassion“. Da war eine solche Macht, so eine geistige Präsenz, von der Bühne ging ein derartiger Strom von Energie aus, dass er auch das Publikum erfasste! Mit jedem seiner neuen Werke ging Schnittke überzeugend in die Geschichte der modernen Musik ein. Beginnend mit seinen „Hymnen“, die mich schon zu Studentenzeiten in den Großen Saal des Komponisten-hauses geführt hatten, um sie dort zu hören, öffnete sich für mich eine mir sehr nahe-stehende geistige Welt. Wie auch bei der Musik Wladislaw Solotarjows, befand sie sich in absolutem Gleichklang mit meinem Weltempfinden. Sie war stets voll besonderer künstlerischer Frische und unerwarteter Kunstgriffe. Die Modernität seiner musikalischen Sprache äußerte sich nie in vordergründiger Kompliziertheit. Und hier wurden noch Episoden im Tangorhythmus eingeschoben, die ich sehr schätzte. Ungeachtet der natürlichen Komplexität seiner Komposition, war diese Musik leicht zu hören.

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Es kam das Jahr 1984. Schnittke stellte das Konzert für Chor nach einem Gedicht von G. Narekazi sowie das Bratschenkonzert fertig. „In diesen Werken ging ich viel zu weit“, sagte er später. Die intensive Arbeit an so großen Werken wirkte sich auf seine Gesundheit aus. Er überarbeitete sich und erlitt seinen ersten Schlaganfall. Wäre nur nicht diese schicksalshafte Krankheit gewesen... Ab diesem Moment arbeitete er schon für die Ewigkeit. Ich fühlte, dass er zu der Idee mit dem Bajan nicht mehr zurückkehren kann. In seinem Leben begann die Periode, wo „man zur rechten Zeit kommen muss...“

Im Jahre 1988 fand auf Initiative der Direktorin der Bostoner Oper, der Dirigentin Sara Coldwell, das Festival sowjetischer Musik „Machen wir zusammen Musik“ statt. Der Leiter unserer Delegation war R. Schedrin. Außer ihm waren unter den Komponisten A. Schnittke, S. Gubaidulina, B. Tischenko, W. Silvestrow, K. Chatschaturjan, G. Kantscheli. N. Korndorf, G. Dmitriew. Jeder Komponist konnte seine Interpreten mit nach Amerika einladen. Gubaidulina machte uns den Vorschlag, zusammen mit W. Toncha ihre Musik bei dem so prestigeträchtigen Festival vorzustellen. Bei ihrem Autorenabend wurden „10 Etüden“ für Violoncello, „De profundis“ für Bajan sowie „Sieben Worte“ für Violoncello, Bajan und Streicher gespielt. Das Konzert wurde zu einem riesigen Erfolg. Die Zeitung „New York Times“ erschien mit einer Überschrift über die ganze Seite: „Amerika öffnet das Genie Gubaidulina“. Das war eine echte Anerkennung auf internationaler Ebene, die sie lange verdient hatte; endlich erlebte sie ihre Sternstunde. Zufällig warteten wir nach dem Konzert zusammen mit Alfred Schnittke auf den Transport in unser Hotel (ich wartete auf meinen amerikanischen Kollegen Peter Soave, der für dieses Konzert extra aus Detroit angereist war. Er hatte mir versprochen, mich danach in ein japanisches Restaurant einzuladen – das ist eine eigene Geschichte, die mir bis heute in Erinnerung blieb.


  • Verstehen Sie, setzte Schnittke unser mehrjähriges Gespräch fort, fast alles, was auf dem Bajan erklingt, ist in der Volksmusik verwurzelt. Einzig Gubaidulina gelang es, eine neue Qualität zu erreichen, bei ihr ist davon überhaupt nichts zu spüren.


Ich begann mich verzweifelt zur Wehr zu setzen:


  • Das Bajan ist ein vielfältiges Instrument und kann auf verschiedenste Art eingesetzt werden. Natürlich, auf ihm erklingt Volksmusik, aber es kann auch wie eine Orgel klingen, wie ein Cembalo, wie ein Holzbläserquintett, wie ein Bandoneon... Es hat viele Gesichter!

  • Gerade das verwirrt mich, dass es eigentlich alles sein kann: es klingt wie eine Harmonika, eine Orgel oder ein Cembalo, aber wo ist sein eigenes, echtes Gesicht? Mich erschreckt das Fehlen eines eigenen Gesichts des Bajans.


Wir schwiegen, jeder suchte gedanklich nach neuen Beweisgründen und Argumenten. Schnittke setzte seine Überlegungen fort und fand plötzlich eine unerwartete Wendung:




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  • Aber kann des Fehlen eines eigenen Gesichts nicht gerade sein eigentliches Gesicht sein?! Wissen Sie, bis jetzt ist mir noch keine Idee eingefallen, nehmen Sie meine „Zwei kleine Stücke“ für Orgel und machen Sie eine Transkription für Bajan.


(Nach einigen Jahren brachte ich die Redaktion dieser Stücke für Bajan in meinem Solokonzert in Amsterdam zur Uraufführung, und danach bereitete ich auf Ersuchen des österreichischen Verlags „Universal Edition“ die Transkription für die Herausgabe vor und schickte sie Schnittke zur Autorisierung. Danach wurden die „Zwei Stücke“ in Wien herausgegeben, und später auch in Moskau im Verlag „Muzika“)

... Aus irgendeinem Grund verzögerte sich der Transport und gerade zur rechten Zeit fuhr Peter Soave mit Lana Gore vor. Ich bat ihn, zuerst Schnittke zum Hotel zu führen. Peter war über die Bekanntschaft mit Alfred entzückt und machte uns voller Freude diesen Gefallen. Natürlich ging im Auto die Diskussion weiter...

Das nächste Mal traf ich mich mit Schnittke bei dem bedeutenden Kammermusikfestival in Huddersfield (England), wo unter den bekannten Komponisten aus verschiedenen Ländern auch Gubaidulina, Schnittke und Takemitsu (Japan) waren. Ich hatte dort ein Solokonzert und eine Aufführung der „Sieben Worte“ mit W. Toncha und G. Roschdjestwenskij. Unser Treffen war so freundschaftlich und herzlich, dass es den Anschein hatte: nun, das ist es fast schon...

... Irgendwo an der Grenze von den 80er zu den 90er Jahren übersiedelte Schnittke mit seiner Gattin Irina nach Deutschland. Sie lebten in der Nähe von Hamburg, wo er sich ständig in medizinischer Beobachtung befand, weil sich sein Gesundheitszustand ständig verschlechterte.

Im Jahre 1990 organisierte die Musikagentur „De Ijsbreker“ in Amsterdam ein Bajan-Akkordeonfestival, wohin viele bekannte Bajanisten-Akkordeonisten eingeladen wurden: M. Ellegaard, M. Rantanen, M. Dekkers, J. Macerollo u.a. Meine Konzerte und Meisterklassen blieben nicht unbemerkt, und der Manager von „De Ijsbreker“ lud mich bald darauf nochmals zu einem Solokonzert ein. Das Konzert verlief so erfolgreich, dass die Agentur vorschlug, einem beliebigen Komponisten den Auftrag zu erteilen, für mich ein Bajanwerk zu schreiben. Ich bat sie, sich sofort mit Alfred Schnittke in Verbindung zu setzen. Als auch nach einer gewissen Zeit eine Reaktion seinerseits ausblieb, rief ich selbst Schnittke aus Spanien an, wo ich damals arbeitete. Während unseres Dialogs spürte ich deutlich die Nachwirkungen der Schlaganfälle; er sprach langsam, suchte gleichsam nach Worten. Als Antwort auf die Idee der Agentur fragte er mich: „Friedrich, und in welchen Sälen finden Ihre Konzerte statt?“ Ich begann aufzuzählen: Großer Saal des Konservatoriums (Moskau), Santory Hall (Tokio), Concertgebouw (Amsterdam), Lincoln Center (New York), u.a. Er antwortete: „Das ist allerhand! Das ist wunderbar! Das ändert natürlich die ganze Situation!“ Ich verstand seinen Wunsch, dass seine Musik in den größten Sälen der Welt gespielt werden sollte, aber während dieses letzten unserer Telefonate wurde mir voll Wehmut klar: alles ist zu spät. Er war schon sehr krank.

Einige Monate vor seinem Ableben wurde in Moskau der „Gloria-Preis“ für das Jahr 1998 verliehen. M. Rostropowitsch übergab den Preis seiner Frau (der Komponist selbst war an sein Bett gefesselt), und G. Roschdjestwenskij dirigierte die Premiere der Neunten Symphonie von Alfred Schnittke. In mir entstand der Eindruck, dass damit gleichsam für das 20. Jahrhundert Bilanz gezogen wurde. Die Neunte


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Symphonie erwies sich als die letzte bei Beethoven, Bruckner, Schubert, Mahler (er hatte freilich noch die Zeit, die zehnte zu beginnen)... Jetzt war es auch bei Schnittke so. Wahrscheinlich sollte gerade die Neunte Symphonie die letzte in seinem Leben werden, obwohl sie, meiner Ansicht nach, nicht das beste seiner Werke war.

Alfred Schnittke betonte oft, dass zwei Kulturen großen Einfluss auf seine Weltanschauung ausübten: die russische und die deutsche. Kurz vor seinem Tod wurde in einer Zeitung ein Interview mit ihm veröffentlicht, als dessen Überschrift seine Worte angeführt waren: „Ich bin ein deutscher Komponist aus Russland“. Und ungeachtet dessen, dass er seine letzten Jahre in Deutschland verbracht hatte, wurden seine sterblichen Überreste in russischer Erde bestattet (er wurde auf dem Nowodjewitschi-Friedhof in Moskau beerdigt). Natürlich kam ich zur Trauerzeremonie in den Großen Saal des Konservatoriums, wo seine Uraufführungen zu riesigen Triumphen wurden. Wahrscheinlich wurde seit der Zeit von Schostakowitsch niemand mehr so verabschiedet.

Es tut mir unendlich leid, ja ich fühle sogar ein gewisses Maß an Schuld, dass meine wahrscheinlich ungenügende Aktivität (ich hatte nichts hinzuzufügen, ich konnte ihn nicht begeistern, interessieren, überzeugen!?) nicht zum gewünschten Resultat führte: manchmal bin ich verzweifelt und ich stehe ohnmächtig vor dem offensichtlichen Faktum der Geschichte: Alfred Schnittke, Genie des 20. Jahrhunderts, schrieb nicht ein einziges Werk für Bajan...



Die deutsche Übersetzung dieses Artikels stammt von Dr. Herbert Scheibenreif und ist von Friedrich Lips autorisiert.

  Letztes Update der angezeigten Seite: 30.April 2009, 22:07 

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