Friedrich Lips

Sie sind nicht bei accordion-cd.co.at eingeloggt. (Login)
Deutsch / German
   

    
  

 Navigation
HOME

Biografie
Interview
Artikel

Diskografie

Repertoire
Programme
Uraufführungen
Methodische Werke

Fotogallerie
Pressespiegel

Gästebuch

Termine
Links
Kontakt

 Freunde,
 Sponsoren,
 Links




 Montag, 20.November 2017 08:46 

AKKORDEON UND ALLGEMEINE MUSIKERZIEHUNG


Bekanntlich hat das künstlerische Spiel auf dem Akkordeon in den letzten Jahren eine rasante Entwicklung genommen. Das Akkordeon wurde in verschiedenen Ländern an Konservatorien und Hochschulen als vollwertiges Instrument anerkannt, in der ganzen Musikwelt bedeutende Komponisten wie z.Bsp. Sofia Gubaidulina haben für das Akkordeon geschrieben,und schließlich wurde auch die Qualität der Konzertinstrumente entscheidend verbessert.

In der Euphorie über diesen Aufschwung wurde leider vielfach auf wesentliche Probleme eines richtigen Anfängerunterrichts vergessen : Welche Instrumente sind für Kinder geeignet? Wie steht es mit dem Repertoire   nur Originalmusik oder auch Bearbeitungen? Ist es besser,mit dem Standardbaß  oder dem Einzeltonmanual zu beginnen? etc. Bevor ich mich diesen instrumentenspezifischen Fragen zuwende,möchte ich zuerst zu einigen pädagogisch psychologischen Grundfragen der allgemeinen Musikerziehung Stellung nehmen, zumal die Ausbildung vieler Akkordeonlehrer auf diesem Gebiet sehr zu wünschen übrig läßt.

Musikerziehung ist ein Teil der Menschenerziehung. Singen und Musizieren, Hören und Betrachten geben kreative Reize, steigern die Phantasie und die Fähigkeit zur Konzentration. Die Erfahrung, gemeinsam schöpferisch tätig zu sein,Freude mit-einander zu empfinden und Vertrauen zueinander zu gewinnen,

wird zu einem unmittelbaren, prägenden Erlebnis. Musik beein-flußt das Kind insgesamt in seinem emotionalen Bereich. Musik fördert das Heranreifen der Persönlichkeit,stärkt das Urteils-vermögen und hat darüber hinaus eine wichtige soziale Funktion: Musik verbindet Menschen   selbst dort, wo eine sprachliche Verständigung kaum möglich ist.

Ohne die Bewegungsformen der Musik, ohne den Atem der Melodie, ohne Rhythmus und ohne Harmonie im weitesten Sinn, was wäre unser Leben? Deshalb ist die Musikerziehung eine der wichtigsten Aufgaben innerhalb der Musikkulturen aller Zeiten gewesen. Musikerziehung beginnt beim Kleinkind und im Kinder- garten,sie gehört zu den wichtigsten Aufgaben der Jugender-

ziehung und der Erwachsenenbildung. Musikerziehung beginnt mit dem einfachsten Spiel, mit dem schlichtesten Lied und endet bei den kompliziertesten Denkprozessen. In allem und jedem aber stehen als Richtpunkte für die ganze Arbeit der Musikerziehung Frohsinn und Freude. Wo man Kinder mit der Musik nicht glücklich machen kann, da ist keine Musikerziehung. Wenn die Musiker-ziehung nicht von der Musik ausgeht und wieder zur Musik führt und wenn sie nicht vom tiefsten Grund her Freude und Leben schafft, bleibt sie ohne Ziel und ohne Sinn. Musik und Musiker-ziehung in den Händen guter Musiker und guter Musikerzieher können nicht in Teile auseinanderfallen, sondern müssen ständig eine Einheit bilden, wie Mensch und Leben zusammengehören. Deshalb ist der Musiker Erzieher und der Erzieher Musiker.

Die Musikschulen behaupten im allgemeinen einen wichtigen Platz im Musikleben. Die individuellen Voraussetzungen und Bedingungen der Musikschüler erfordern ein flexibles und differenziertes pädagogisch psychologisches Herangehen im Ausbildungsprozeß, um optimale Ergebnisse auf der Grundlage der Entwicklung und Förderung musikalischer Fähigkeiten und Fertigkeiten zu erzielen. Letztere entwickeln sich meist über einen sehr langen Zeitraum, in der aktiven Auseinandersetzung

- 2 -


mit dem jeweiligen Inhalt und der spezifischen Tätigkeit des Schülers. Sie sind sowohl Voraussetzung als auch Ergebnis dieser Tätigkeit. Die Fähigkeitsentwicklung verläuft bei jedem Menschen unterschiedlich, aber es gibt z.Bsp. bestimmte Altersstufen, die besonders günstige Voraussetzungen für die Herausbildung von bestimmten Fähigkeiten bieten. Eine wichtige Rolle spielen beim Schüler Leistungsvermögen und Leistungswille, die von Fall zu Fall sehr differenziert sein können. Bewegungsabläufe, die der kindlichen Motorik adäquat sind, sollten möglichst früh ent-wickelt werden. Die Erfahrungen lehren,daß der Aufbau senso-motorischer Fähigkeiten (Sinn und Gefühl für Gleichgewicht, Balance für Bewegungsabläufe, Beweglichkeit etc.) sehr bedeutsam für das Instrumentalspiel ist und zu einem späteren Zeitpunkt nur unter großen Schwierigkeiten nachgeholt werden kann. Senso-motorische Fähigkeiten werden vor allem durch Übung beim Instru-mentalspiel erworben und gefestigt. Forschungsergebnisse bewei-sen, daß die manuellen, besser die sensomotorischen Möglich-keiten des Kindes wesentlich höher liegen, als dies bisher angenommen wurde. Auch das musikalische Vorstellungsvermögen des Kindes (Singen, Musikhören, Rhythmusklopfen etc.) verdient große Beachtung. Neben den pädagogischen und kulturellen Einwirkungen der Umwelt, insbesondere durch Träger der Bildung und Erziehung, erhält das eigene Beteiligtsein des Schülers maßgebliche Bedeu-tung. Um erfolgreich zu sein, braucht er Motivation, Interesse am Lerngeschehen, am Lerngegenstand und hohe Aktivität. Je stärker die Motivation ist, desto größer sind auch Lernleistung und Lernergebnis. Die Beschäftigung mit der Musik muß dem Schüler Freude bereiten, er muß von ihr Besitz ergreifen, sich mit ihr identifizieren, denn Kunst wirkt nur in dem Maße, in dem man sich mit ihr praktisch, emotional und engagiert auseinander-setzt. Eine Pädagogik, die z.Bsp. Instrumentalspiel lediglich auf die Reproduktion richtiger Tonhöhen, auf zweckmäßige Finger-sätze, Spielbewegungen oder technische Übungen reduziert, ist abzulehnen. Wesentlich sind vielmehr eine möglichst breit angelegte musikalische Allgemeinbildung sowie die Entwicklung

eines ästhetisch begründeten Musikverstehens.Die ästhetische Erziehung erfolgt am konkreten Werk durch seine unmittelbare sinnlich emotionale Aufnahme und Wiedergabe. Dies gilt für die Gestaltung eines Tones, einer Melodie, eines Volksliedes ebenso wie für die anspruchsvollen Werke. Die Fähigkeitsentwicklung ist Teil der Persönlichkeitsentwicklung, das trifft ebenso auf die speziellen musikalischen Fähigkeiten zu. Das Niveau der Persön-lichkeitsentwicklung wird als allgemeine Begabung gekenn-zeichnet. Faktoren für das Niveau einer Begabung sind u.a.

Konzentration, Ausdauer, Disponibilität, Schnelligkeit der psychischen Abläufe, Phantasie, Ideenreichtum und Analyse-fähigkeit. Begabung entwickelt sich nur in der Tätigkeit, in der tätigen Auseinandersetzung, d.h. vor allem im zielgerichteten und systematischen Bildungs  und Erziehungsprozeß. Die musika-lische Begabung in ihrer Ganzheit tritt auch als dominierende

Eigenschaft der Persönlichkeit auf und beeinflußt nicht uner-heblich deren Verhalten, Interesse und Neigungen. Die Begabung drückt sich in der Produktivität des Schülers aus, in den vielfältigen Formen des sinnlichen und logischen Erlebens der Musik, des emotional ästhetischen und intellektuellen Erfassens ihres Inhalts

- 3 -


Viele Musikschüler wie selbst Studenten wissen nicht, wie sie an ein Werk herangehen, was und wie sie üben sollen. Wer immer neue Kenntnisse und Fertigkeitem erwerben will, muß lernen, um üben zu können, und muß üben, um mehr zu lernen. Das heißt auch, man muß lernen, was zu üben und wie zu üben ist. So ist das Üben eine spezifische Lerntätigkeit, es ist auch Neuer-werb und Herausbildung von Fähigkeiten sowie Stabilisierung von Fertigkeiten. Mit zunehmendem Übungserfolg nähert man sich zwar mehr und mehr dem gesteckten Ziel, schiebt aber gleichzeitig dieses weiter hinaus, d.h. man hat durch das Üben gelernt, daß man noch mehr lernen kann und daß man daher weiterüben muß. Diese Übungsspirale, die zu einem höheren Niveau aufsteigt, empfängt ihren Antrieb durch fortgesetztes Lernen. Der Erfolg des Übens und Könnens hängt wesentlich davon ab, ob der Schüler Ziel und Zweck der Aufgabe erkennt und zugleich auch den Übungsfortschritt überschaut,d.h. wie der Gegenstand des Übens vom Lernenden subjektiv erlebt wird. Immer mehr kommt es auf ein rationelles Üben an, d.h. in welcher Relation das Ergebnis der Übetätigkeit zum Zeitaufwand steht. Die Erfahrung lehrt, daß

der Übungserfolg wesentlich von der Übungsbereitschaft des Schülers abhängt und daß letztere vor allem auf Erfolgserleb-nisse zurückzuführen ist. Im Bereich des Gedächtnisses ist das Behalten eines musikalischen Ablaufs vor allem durch die Klar-heit und Intensität des ersten Eindrucks gegeben. Es erweist sich, daß das Üben in sinnvollen Zusammenhängen erfolgreicher

und musikalischer ist als das Üben zerstückelten Wissens. Kleine Lernschritte sollten die Übungserfolge kennzeichnen, und die ersten Übungen und Wiederholungen sind möglichst bald an die Neueinstudierung anzuschließen. Für den Lehrer kommt es insbe-sondere darauf an, die Übungsform zu wechseln, um damit die Konzentration und vor allem die Motivation des Schülers zu

erhöhen und somit den Übungserfolg, denn Üben bedeutet nicht einfach Wiederholen des Immergleichen. Das mechanische Wieder-holen führt zwangsläufig zur Monotonie, zur Abstumpfung und zur Ermüdung. Es liegt am Lehrer, Etüden zu finden, wo technische Probleme gleichsam "spielend" erarbeitet werden können. Sehr wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, daß sich das Übungs-programm aus Stücken aus verschiedenen musikalischen Epochen

zusammensetzt. Im Laufe der Zeit muß der Schüler eine Arbeits-weise lernen, wie er ein Werk auch ohne unmittelbare Hilfe seines Lehrers einüben soll (z.Bsp. manuelle Fertigkeiten wie Fingersatz, Balgwechsel, Artikulation, im fortgeschrittenen Studium auch Werkanalyse mit dem entsprechenden philosophischen und musikästhetischen Hintergrund).

Die Einstellung eines Schülers zum Üben, zum Lernen hängt in hohem Maße vom Stil der pädagogischen Führung ab. Damit wird die Verantwortung des Pädagogen und seine Vorbildwirkung für den Schüler in besonderem Maße hervorgehoben. So ist z.Bsp. eine günstige Leistungshaltung festzustellen, wenn die Lehrer-Schüler Beziehungen von Offenheit, Ehrlichkeit und Leistungs-willen getragen sind.Eine richtige Motivation für die Lern-tätigkeit zu entwickeln, die dem Schüler hilft, sein gesamtes Lernen persönlich richtig zu bewerten und produktiv zu gestal-ten, verdient besondere Beachtung. Im Laufe der Übetätigkeit verändert sich das Verhältnis von pädagogischer Führung durch den Lehrer und der Selbständigkeit des Schülers, d.h. die

- 4 -


Unabhängigkeit des Schülers nimmt im Verhältnis der Aneignung und Beherrschung des jeweiligen Übegegenstandes zu. Allgemein

spricht man hier von einer ständigen Zunahme der Selbsterziehung und einer Abnahme der Fremderziehung. Insgesamt geht es vor allem darum, die vorhandenen schöpferischen Potenzen des Schü-lers zu fördern. Besonders begabte Schüler wollen gefordert sein! Durch eine problemhafte Gestaltung der Lerntätigkeit wird die Selbständigkeit des Schülers aktiviert und er erfährt dabei, daß Problemlösen auch Freude bereitet. Gleichzeitig lernt er seine Leistungen, sein Verhalten selbst einzuschätzen und zu

werten sowie sein Anspruchsniveau zu erhöhen. Selbsterziehung und Selbstbewertung sind somit notwendige Bestandteile beim Prozeß der Persönlichkeitsentwicklung, dem eigentlichen Ziel jeder Art von Erziehung, also auch der Musikerziehung.

Sehr wichtig für die künstlerische Entwicklung des Schülers sind Auftritte vor Publikum,wie bei Konzerten oder Wettbe-werben.Dabei geht es vor allem auch um die Herausbildung von Einstellungen und Haltungen, um die Erarbeitung der so wert-vollen Selbstdisziplin. Neben einem gewissen leistungs-steigernenden Charakter von Wettbewerben dürfen aber manche

Gefahren nicht übersehen werden: oft überfordern "Musikpäda-gogen" ihre Schüler durch zu schwierige Stücke,wodurch zwangs-läufig auch die Entwicklung der Musikalität auf der Strecke bleibt.

Für das,was im Unterricht geschieht, trägt jeder Lehrer große Verantwortung. Der Ausgangspunkt aller Überlegungen sollte immer die Beziehung des Lehrers zum Heranwachsenden sein, die von tiefem Vertrauen in die Entwicklungsfähigkeit des Schülers bestimmt sein muß. Der Optimismus des Lehrers, seine pädago-gische Grundhaltung sind für die Unterrichtsatmosphäre und damit für die Herausbildung von guten Leistungen unabdingbar. Das heißt nicht, daß zeitwillige Schwierigkeiten oder Mißerfolge beschönigt werden sollen. Vielmehr geht es um das Kennenlernen, das "Bloßlegen" der Ursachen, die zu den Schwierigkeiten führten, um entsprechende pädagogisch psychologische oder didaktisch methodische Schritte zur Veränderung und damit zur Lösung des Problems einzuleiten. Es bleibt dem pädagogischen

Lehrgeschick, dem Fingerspitzengefühl des Musikerziehers vorbehalten, das rechte Maß zwischen Kritik und Lob zu finden. Die inhaltliche Führung des Unterrichts wird wesentlich von dem Ziel bestimmt, dem Schüler solide Kenntnisse, künstlerische Fähigkeiten und Fertigkeiten zu vermitteln bzw. anzuerziehen. Viele Akkordeonlehrer geben sich damit zufrieden,ihren Schülern gewisse technische Fertigkeiten beizubringen, vergessen dabei

aber ganz auf die Entwicklung der Musikalität. Die Technik sollte doch nur ein Mittel sein, um den musikalischen Inhalt vermitteln zu können. Der Schüler lernt sein Instrument beherrschen, damit "sein Innerstes nach nach außen strömen kann".Zur Erreichung dieses Ziels muß die Unterrichtsstunde möglichst interessant, abwechslungsreich und spannend sein,

schlicht ein Kunstwerk! Vom Musikerzieher wird die künstlerische Beherrschung der zu unterrichtenden Literatur erwartet. In gleichem Maß wird die Kenntnis der grundlegenden physiologischen und psychologischen Prozesse im Lernprozeß und im Spielablauf des Schülers vorausgesetzt, ein exaktes Wissen um mögliche Spielmethoden und die pädagogisch fundierte, unterrichtsbedingt

- 5 -


individuell begründete Anwendung dieser Kenntnisse in einer emotional ansprechenden Weise gefordert. Interesse und Liebe zur Musik, die Grundlage einer für eine spätere berufliche Ent-wicklung so entscheidenden Motivation des Schülers, werden maßgeblich von dem Vorbild des Musikpädagogen geformt."Es sei ihm eine Lust zu lehren!" (So wie es für den Schüler "eine Lust

sein soll, belehrt zu werden"!) Mit den Mitteln der Improvi-sation können im Anfangsunterricht Klangvorstellung, musikali-sches Gedächtnis und Gestaltungswille geweckt werden. Die laut-malerische Darstellung kindgemäßer Themen, das "Erzählen" von Geschichten oder Märchen erschließt im Bewußtsein des Lernenden Verbindung von Leben und Musik. Gleichzeitig wird damit die Grundlage für die auditive Lehrmethode im Anfangsinstrumental-

unterricht gelegt. Die Bedeutung der Klangvorstellung gegenüber der instrumentalen Technik gilt längst als erwiesen. Leider sind Versäumnisse in der für die Schülerpersönlichkeit so wichtigen Etappe der Frühausbildung auch später an den Hochschulen kaum zu kompensieren! Achtung und Wertschätzung sind Kriterien für die Autorität einer Lehrerpersönlichkeit, die fortwährend in der Tätigkeit neu erworben werden müssen. Hohes fachliches Wissen und Können, feste weltanschauliche und moralische Haltung, Konsequenz, Gerechtigkeitssinn und die Fähigkeit, Schülern ein Beispiel für richtiges Handeln zu geben, charakterisieren die Autorität eines Lehrers.

Als grundlegende Probleme des Anfängerunterrichts auf dem Akkordeon, deren Lösung nach wie vor offen ist, haben sich die Fragen nach dem optimalen Repertoire, Instrument und Spielsystem herauskristallisiert.

Die im Unterricht verwendete Literatur sollte in jedem Fall der Mentalität, der Begabung und den Interessen des Schülers entsprechen und keineswegs nach Wettbewerbserfordernissen gewählt werden. Musik lebt von der ständigen Erneuerung. Viele Kompositionen, die den Menschen früherer Jahrhunderte noch ungewohnt klangen, sind längst als populäre Meisterwerke anerkannt. Akkordeonisten fehlt oft jene Offenheit für das Neue, das Ungewohnte, die letzlich immer auch dem Sinn für das Überlieferte und Bekannte zugute kommt. Das Akkordeon braucht für seine Weiterentwicklung die Impulse zeitgenössischer Künstler und Komponisten, und zwar nicht nur auf dem künstleri-schen Sektor, sondern vielmehr auch für den Anfängerunterricht. Wo sind vergleichbare Stücke für das Akkordeon, wie sie z.Bsp.

Schumann und Tschaikowskij für Anfänger auf dem Klavier ge-schrieben haben? Etüden und Schulwerke sind genügend vorhanden, wobei der zielführende Einsatz sehr von den Voraussetzungen des Schülers abhängt. ("Der Schüler ist Methode"!) Gute Musik für Anfänger ist aber leider nach wie vor Mangelware! Bei aus-reichend vorhandener guter Originalmusik für das Akkordeon würde sich auch das Problem der Verwendung von Bearbeitungen von selbst lösen.

Für das Instrumentalspiel sind bestimmte anatomische Gege-benheiten und physiologische Bedingungen von Bedeutung. Die körperliche Beschaffenheit eines Spielers, die meßbare Beschaffenheit seiner Hände und ihr Zusammenspiel mit dem Nervensystem setzen natürliche Grenzen.Man kann heute die von der Physiologie her begrenzten Entwicklungsmöglichkeiten eines Spielers ermitteln, sein Spiel verfolgen, die Spielfehler

- 6 -



aufzeigen und die oft nicht mehr hörbaren messen und sichtbar machen. Damit sind Grundlagen für eine neue Unterrichtslehre gegeben. Im allgemeinen bietet eine normale körperliche Ent-wicklung völlig ausreichende Voraussetzungen für den Erfolg der Ausbildung auf dem Akkordeon.Es sind also keine besonders

günstigen, aus der Norm fallenden Körpermaße, Muskelfunktionen und Nervenprozesse notwendig. Es geht vielmehr darum, solche Merkmale zu fixieren, die eine Akkordeonausbildung behindern und gegebenenfalls aus der Kenntnis dieser negativen Voraussetzungen von der Unterrichtsaufnahme abzuraten.Allerdings können un-günstige anatomisch physiologische Voraussetzungen durch hohe Musikalität, starken Willen und geistige Beweglichkeit mehr oder

weniger kompensiert werden. Wesentliche Bedingung für ein gelun-genes Spiel auf dem Akkordeon ist sicher die Lockerheit im gesamten Bewegungsablauf. Die erforderlichen Griffstellungen sollen ohne Verspannung erreichbar sein, Spreizfähigkeit, Beweglichkeit und Stabilität der Finger sowie insgesamt die richtige Körpergröße sollen entsprechend entwickelt sein. Die lange diskutierte Standardisierung der Instrumente   möglichst große konstruktive Übereinstimmung vom Anfängermodell über das Instrument für Fortgeschrittene bis hin zum Konzertinstrument   gilt als unbedingt zu erreichends Ziel. Nachdem sich das Knopf-instrument im künstlerischen Bereich praktisch durchgesetzt hat, wird eine ähnliche Entwicklung auch im Anfangsunterricht unaus- weichlich sein.Die heutigen Wettbewerbskandidaten werden als Lehrer ihren Schülern sicher Impulse in diese Richtung geben.

Ähnlich wie beim Problem Knopf  oder Pianoakkordeon verhält es sich auch mit der Frage,ob Anfänger mit dem Standardbaß  oder dem Einzeltonmanual beginnen sollen. Es ist ein alter Fehler von Akkordeonisten, in nutzlose Systemdiskussionen zu verfallen anstatt daran zu denken, die nötigen Voraussetzungen für ein musikalisch einwandfreies Spiel zu schaffen. Das Akkordeon ist heute hinsichtlich der Tonqualität, der spieltechnischen

Möglichkeiten, der Ausdrucksfähigkeit ein Instrument, das allen technischen, musikalischen und künstlerischen Ansprüchen in jeder Weise gerecht wird. Spielsysteme dürfen dabei nur Mittel zum Zweck sein, die Musik muß absolut im Vordergrund stehen : dies gilt für sowohl für den volkstümlich populären als auch den künstlerischen Bereich eines jeden Instruments, nicht nur des

Akkordeons. Der Akkordeonpädagoge von heute steht vor der schwierigen Aufgabe, für beide Richtungen bereit sein zu müssen. Als Künstler hat er als Ziel die künstlerische Anerkennung des Instrumentes im Konzertsaal, gleichzeitig wirbt er durch sein Spiel um mehr Ansehen für sein Instrument und wirkt auf-klärerisch auf einen nicht kleinen Teil des Publikums. Schließlich brauchen wir sowohl eine möglichst große Zahl von Akkordeonisten als auch die Spitzenleistungen einzelner Ausnahmeerscheinungen.Wenn im künstlerischen Spiel Kompromisse ausgeschlossen sind, so stehen beim Anfänger doch andere Kriterien im Vordergrund: neben der konsequenten Arbeit (Ton-bildung von der ersten Stunde an!) sollte doch die Freude am

Musizieren vorerst im Mittelpunkt stehen!

Obwohl die Zeit drängt,wird eine solide und fundierte Ent-wicklung des Akkordeons wie bei jedem Instrument eben seine Zeit brauchen und die Verwirklichung mancher Ziele von heute wird

- 7 -


künftigen Generationen von Schülern und Lehrern vorbehalten bleiben.Ungeduld ist hier sicher fehl am Platz.Auch kleine Schritte im Entwicklungsprozeß sind wertvoll! Wenn wir aber das Niveau der Spitze weiter heben wollen, werden wir zuerst

das Niveau des Anfangsunterrichts verbessern müssen.Der beste Pädagoge ist gerade gut genug dafür !










Bibliographie:


C.Bresgen, Musik Erziehung?, Wilhelmshaven, 1975

F.Lips, Die Kunst des Bajanspiels, Moskau, 1985

E.Preussner, Allgemeine Musikerziehung, Wilhelmshaven, 1974

Schwingende Zungen, Verlag "Die Harmonika", Zeitschrift für die Freunde der Harmonika, Trossingen, 1956


  Letztes Update der angezeigten Seite: 30.April 2009, 22:07 

 Aktuelle CDs:

UNDER THE SIGN OF SCORPIO


JETZT ERHÄLTLICH!

LIPS CONCERTO


JETZT ERHÄLTLICH!

NIGHT FLOWERS


JETZT ERHÄLTLICH!